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Was war. Was wird.

Eine Apple-Anzeige regt zum Nachdenken an an so einem langen Wochenende, an dem der östliche Bürgermut gelobt wird. Es ist an der Zeit, dass mal ein Kapitalist die Welt interpretiert, findet Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.



*** Mao, Engels, Lenin, Marx, Trotzky, Hallo. Dazu die Ansage: "Es wurde Zeit, daß mal ein Kapitalist die Welt verändert." So wirbt man kurz und bündig. So warb Apple jedenfalls im Jahre 1984 in allen großen westdeutschen Zeitungen. Die Kampagne mit den fiktiven Buchrücken und einem echten Macintosh durfte seinerzeit übrigens nicht als Papier in den Unrechtsstaat DDR einreisen. Dort war das Verhohnepiepeln der Klassiker des real existierenden Sozialismus nicht erlaubt und Trotzki samt seiner permanenten Revolution ein Fall für die Giftschränke. Nun haben wir den Tag der deutschen Einheit hinter uns, afrikanisches Liedgut geschmettert und vom "Radweg Deutsche Einheit" geschwärmt. Der von Bonn nach Berlin führen und ganz im Geiste des großen Täve Schur davon künden soll, wie Radeln, Elektromobilität und digitale Infrastruktur zum Sieg des, ähem, des Samwerkapazitiven Einheitsstaates Deutschland beitragen. Während an diesem bananigen Wochenende in Berlin alte Computer und Relais munter rasseln, sollte man sich daran erinnern, was mit ihnen angestellt wurde: Stalin statt Marx und Engels! Aus der Perspektive des Amtes für nationale Sicherheit liest sich das so:

Du hast doch mir den 40-Mark-Schein rübergeschickt. Kannst du mir zufällig sagen, was da draufsteht?

Informant: Das ist ein... na ja.. so'n Computerdruck. Und der ist rot gestaltet, so ungefähr wie ein 50-Mark-Schein, nur ist... statt Engels ist da ein Stalin-Bildnis drauf und dann sind da im Text sind da drinne hier: Für diesen Schein kriegen Sie nichts, aber für den echten auch nichts. Und dann sind da noch solche grafischen Darstellungen wie zum Beispiel Industrieanlage und daneben absterbender Wald. So und dann Banknotennummer, da steht denn bloß druff die Nummer 49-53-61-89, da musste ich selbst mal stutzen, was das war...

*** Von 1949 über 1953 bis 1989 und es geht weiter, Volksgenossen: 25 Jahre nach dem siegreichen "Wir sind das Volk" antwortet die aktuelle Regierung: "Na und?". Welch feinsinniger Zug unserer Politiker ist es doch, zu diesem Jubiläum der "Einheit in der Vielfalt" nicht nur Cybertalk zum Besten zu geben und zur Nutzung von De-Mail aufzurufen. Perspektivisch glänzend und die innere Bindung nostalgischer Ostis fördernd ist die Idee, den PM 12 wieder aufleben zu lassen, damit verdächtige Personen ohne Prozess und Einspruchsmöglichkeiten auf Weisung anonymer Verfassungsretter Deutschland nicht verlassen können.

*** Das heile Bild wird schwer getrübt durch einen anderen unserer Demokratierettungsdienste, der beim Projekt namens Eikonal die Mauer durchlöcherte, die zwischen aus- und inländischer Kommunikation gezogen wird. Die das Grundgesetz aushebeln mit ein bisserl Software, wer merk(el)t das schon? Ein mit dem ausdrücklichen Segen von Frank-Walter Steinmeier eigens programmierter Filter namens DAFIS (wohl: Deutsch Ausländischer Filter Internationaler Systemkommunikation) schaffte es nicht, die deutschen Daten vollständig zu löschen, bevor das Material unseren amerikanischen Freunden übergeben wurde. Die dann in den Gigabytes dann nach typisch terroristischen Begriffen wie EADS und Eurocopter suchten. Bis zur Einstellung der Operation sollen immer wieder deutsche Daten durch den albtraumartigen Filter geflutscht sein. Für 300 Millionen Euro wollte man bekanntlich einen neuen Filter proggen, frei nach den geflatterten Worten von Karl Marx, dass die Philosophen die Welt nur verschieden gefiltert haben und es darauf ankommt, die Filter zu verändern.

*** Es ist an der Zeit, dass mal ein Kapitalist die Welt interpretiert: So eine Apple-Anzeige regt zum Nachdenken an langen Wochenenden an, an denen der östliche Bürgermut gelobt wird. Wer hat eigentlich die Welt mehr verändert, der Marxismus-Leninismus, der Kapitalismus oder der Macintosh oder das iPhone? Ganz schnell müsste man eigentlich den Kapitalismus rausstreichen. Wer Berichte über das Tun der Samwer-Brüder liest, die fremde Geschäftsmodelle kopieren, eine Kultur der Angst aufbauen, und ihre Mitarbeiter als Soldaten klassifizieren, kann sich nur mit Schaudern vom Kapitalismus abwenden. Aber, aber: Abseits der reinen Nachrichten vom Börsengang überwiegt ein bewundernder Unterton über den "Schrauben-Würth des Internets" in den Berichten. Vor harten Hunden kuschen ist eben eine deutsche Untugend, unabhängig von allen deutschen Unrechtsstaaten, immer wieder gern gesehen und ausgelebt bis zur Verkümmerung des aufrechten Ganges. Dann fällt noch ein Faktor auf: In dieser Woche veröffentlichten die Marktforscher von IDG gemeinsam mit dem Workplace Bullying Institute eine weltweite Umfrage unter 650 hohen IT-Managern. Nicht weniger als 75 Prozent der Befragten wurden im Laufe ihrer Karriere schikaniert, womit die IT mit Abstand der mieseste Platz für Manager wäre -- mit den Jobs-Typen als dem miesesten von allen.

*** Für Mao, Engels, Lenin, Marx und auch für Trotzki gab es eine Basis der materiellen Produktion, die den Überbau bestimmte: Von Software hatte alle fünf keine Ahnung. Bei der Hardware gibt es Überlegungen des Fabrikanten Friedrich Engels zur Zukunft von Rechenmaschinen. In Maos Zeiten, als in China Computer benutzt wurden, wurde mehr den Operateuren misstraut als den Geräten. Später entschied man sich für die MOPS-Architektur und kaufte eine unbegrenzte Lizenz für ganz China. Bis heute kämpft der Drachenkern mit Akzeptanzproblemen. Vom Kybernetiker Stafford Beer, der im sozialistischen Chile unter Allende am Cybersyn-Projekt arbeitete, gibt es die Anekdote, dass er einen Kybernetik-Vortrag abbrechen musste, weil dieser eben nicht mit der Avantgarde der Arbeiterklasse als Lenkungsinstanz endete, sondern mit dem Satz: "Der Staat ist eine Maschine". Andererseits gab es in der DDR den Kybernetiker Georg Klaus, der Demokratie kurzerhand mit Rückkoppelung übersetzte – und damit in Ungnade fiel. Zur Offenlegung von CP/M und zur Vorstellung von Windows 10 als allerneueste Kachelei muss man mit einer tiefen Verbeugung vor Gordon Moore festhalten, dass Software diese Welt mehr als Hardware, Marx & Co verändert hat. Die grafische Oberfläche von Douglas Engelbart und das World Wide Web von Mauerfeind Tim Berners-Lee sind Revolutionen. Dazwischen gibt es viele Spielarten. Das Vermächtnis der Hippies um Whitfield Diffie könnte man dazu zählen, auch wenn es nur die Retter mit den drei Buchstaben ärgert.

Was wird.

Liberté, Égalité, Fraternité, das alles gab es vor Mao, Engels, Lenin, Marx, Trotzky und Hallo. Das hatte Drive und brachte Menschen dazu, an das Menschsein zu glauben. Wie oft konnte man an diesem feiervollen Wochenende das Wort von den "unhintergehbaren Menschenrechten" hören (die, nebenbei, im Mittelmeer ersäuft werden)?? Hopplahopp, sie sind hintergehbar, Großbritannien macht den Anfang: die britische Regierung will nach dem Sieg über die schottischen Abspalter auch die lästige europäische Menschenrechtskonvention loswerden, die nach den Worten des Premierministers David Cameron zu skandalösen Urteilen geführt hat. Es ist eine Zäsur, gegen die weder Hard- noch Software ankommen können.

Oder vielleicht doch? Die Frankfurter Buchmesse startet, mit einem Großauftritt von Jaron Lanier, ganz ohne den IRL kleinen doch inetRL großen Zampano Frank Schirrmacher, aber mit dem Buch von Christian Schwägerl über die Analoge Revolution. Vergesst Mao, Engels, Lenin, Marx, Trotzky und Hallo: Der Mensch erkennt nach dieser Lektüre, wie er mit Natur und Technik unauflösbar verwoben ist. Es gibt kein Internet, sondern ein Allesnetz, in dem Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen und Computer miteinander verbunden sind und eine tobende Party vibrierender Materie feiern. Alles Klar? Auch auf der Andrea Doria?

Wie könnte eine Wochenschau anders enden, als mit einem Kommunist, der einen Chip interpretiert? Die Ehre gebührt in diesem Falle Erich Honecker, der am 15. August 1989 zur Vorstellung des ersten in der DDR gefertigten 32-bit-Chips eine Art teleologischen Agrarmarxismus predigte: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf."

(vbr)