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Was war. Was wird.

Wir. Dienen. Was dann vom Geschwurbel übrig bleibt, sind Datenwellen, aus denen irgendwie erstaunliche Vermögen entstehen, weil unaufhörlich gerührt wird, hat Hal Faber festgestellt.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Supercomputer Mare Nostrum

*** Mit großem Tamtam und schwer bedeutsamen Artikeln im Feuilleton hat Jaron Lanier am vorigen Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Er bedankte sich mit einer langen und ziemlich wirren Rede, die hier im Original und hier als Übersetzung nachlesbar ist. Das eigentliche Drama folgte: Ausgerechnet die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte eine dermaßen stark gekürzte Fassung seiner Rede, dass Leser ohne Zugang zu diesem "Internet" vor einem Rätsel standen. Dabei war es der verstorbene Feuilleton-Chef der FAZ, Frank Schirrmacher, der Lanier zum Schutzpatron vor einem Internet kürte, in dem Menschen nicht als Crowd, sondern nur noch als "Rudel" oder englisch als "Pack" wahrgenommen werden. Mit seiner Geschichte von den "Flashmobs" und "Shitstorms" des "Packs" hat Lanier unter seinen Zuhörern ein wohliges Gruseln erzeugt, denn gebildete Menschen legen nun einmal nicht ihren "inneren Schalter" um, auch wenn sie Geschichten vom Enthaupten hören, die sich nicht in irakischen Provinzen abspielen.

"In der Online-Welt führen These und Antithese, eine Hand und die andere, nicht mehr zu einer höheren Synthese. Hegel wurde enthauptet. Stattdessen gibt es nur statistische Datenwellen, die unaufhörlich zu erstaunlichen Vermögen zusammengerührt werden von denen, die sie benutzen, um ihren wirtschaftlichen Vorteil auszurechnen."

*** In der Online-Welt können These und Antithese nebeneinander stehen und verlinkt werden, eine gedachte Linie muss nicht gezogen werden. Und Hegel verstarb an Cholera oder an einem Magenleiden in Berlin, auch wenn im Preußen seiner Zeit die Enthauptung die gesetzlich vorgeschriebene Hinrichtungsmethode war. Im Keller seines Hauses befindet sich heute eine wunderbare Sammlung toter Medien wie etwa Btx-Terminals und Abhörgeräte des Ministeriums für Staatssicherheit.

*** Was vom Geschwurbel übrig bleibt, sind Datenwellen, aus denen irgendwie erstaunliche Vermögen entstehen, weil unaufhörlich gerührt wird. Wer das ist, wer damit erstaunliche Vermögen akkumiliert und eben mal eine Zeitung wie die Washington Post kaufen kann, darüber schweigt Lanier. Stattdessen spricht er lieber von Rudeln und Büchern, die bei Amazon zu bestellen sind oder gleich aufs Kindle geladen werden. Wer ist eigentlich die unendlich reiche "Minderheit ganz oben auf den Rechnerwolken", die von der Ökonomie des Teilens profitiert? Warum nennt Jaron Lanier nicht Jeff Bezos, Marc Zuckerberg, Peter Thiel oder Pierre Omidyar, die die "Regierungen schwächen"? Und wie geht das eigentlich, den Reichtum zu vermehren? Das machen die bösen Algorithmen, die alles wissen. Bei Lanier liest sich das so:

"Big Data schürt die algorithmische Konzentration von Reichtum. Zuerst ist es in der Musik- und Finanzbranche passiert, doch der Trend greift auf jeden zweiten Schauplatz menschlicher Aktivität über. Algorithmen erzeugen keine Garantien, doch sie zwingen nach und nach die breite Gesellschaft dazu, Risiken zu übernehmen, von denen nur ein paar wenige profitieren."

*** Selbstredend bleibt es unklar, wer die paar wenigen sind. Vielleicht sind es nur die Samwer-Brüder, die irgendwem das Internet geklaut haben und es nun stückweise verscherbeln. Vielleicht ist alles nur ein ganz ausgefuchster Plan fiesester Kommunisten und sonstiger Expropriateure, die sich am Internet der Dinge begeistern und von HighTech-Öko-LPGs träumen, auf denen massenhaft Drohnen eingesetzt werden und die intelligente Fabrik den Arbeiter von seiner Arbeit enteignet?

"Die laufende Aktualisierung von großen Datenbeständen (Big Data) wird in allen Facetten eine Grundlage von Planungsprozessen sein. Die partizipatorisch-sozialistische Gesellschaft wird die Widerspruchsebenen zwischen Expertentum und Beteiligung, gesamtgesellschaftlichen Interessen und Schutzrechten des Individuums laufend auszutarieren haben – allerdings ohne den Antagonismus von Kapital und Arbeit, ohne Krisen und Kriege."

*** Dieser linke Text hat keinen Link, weil er in den marxistischen Blättern steht, die klassenbewusst tote Bäume nutzen, um "Kybernetik, Internet und neue soziale Medien" für die Zeit nach dem Sieg des Sozialismus durchzudenken. Aber passend zu den Aufbrüchen von links kommt die Warnung aus Amerika, natürlich vorgetragen von Evgenij Morozov: Denkt mal an Chile und den Sieg des Sozialismus unter Allende, wo der Computer, diese Planmaschine, alles vermasselte. Oder war gar dieser Deutsche dran schuld, der statt einem ordentlichen Desktop die Bedienungselemente des Rechners in einer Chording-Tastatur in der Armstütze verbaute?

*** In seiner eigenartig verschwurbelten Form hat Jaron Lanier seinen Zuhörern in Frankfurt auch etwas Richtiges erzählt vom Datenschutz, als er die Regel "Privacy by Design" so formulierte:

"Ganz gleich, was man über Datenschutz denkt, es ist der Code, der in fernen Cloud-Computern läuft, der bestimmt, welche Konzepte von Datenschutz gelten. Die Idee von Datenschutz hat viele Facetten, breit gefächert und stets schwer zu definieren, doch der Code, der Datenschutz schafft oder verhindert, ist auf banale Weise konkret und allgegenwärtig."

*** Nun gibt es ja das Vorurteil, dass deutscher Datenschutz besonders gut ist, ein ganz oberfeines "made in Germany" halt. Einnern wir uns nur an die Zeit, als eine Ministerin namens Ilse Aigner den deutschen Datenschutz als höchstes Gut pries – und ausgrechnet den "digitalen Radiergummi" von X-Pire auszeichnete, der wenig später eine Bruchlandung produzierte. Bei Lichte betrachtet ist der Qualitäts-Datenschutz gar nicht so deutsch, sondern eine Art griechischer Import. 1970 wurde mit dem hessischen Datenschutzgesetz das erste Gesetz dieser Art realisiert. Diese "Regelung für den Schutz personenbezogener Daten und zur Abwehr einer Gefährdung der verfassungsmäßig festgeschriebenen Gewaltenteilung durch die Automatisierung der Datenverarbeitung" verdanken wir dem Juristen Spiros Simitis, der heute 80 Jahre alt wird. Der Jurist, der als einer der ersten erkannte, dass Datenschutz und Demokratie zusammengehören, war "nur" hessischer Datenschützer. Den Ruf auf die Stelle des Bundesdatenschutzbeauftragten lehnte er mit dem richtigen Hinweis ab, dass ein Datenschutz unter federführender Aufsicht des Bundesinnenministeriums der Gewaltenteilung widerspricht. Sein Hinweis aus dem Jahre 1977, dass Polizei, Verfassungsschutz und das Gesundheitswesen eigene, besonders scharfe Datenschutzgesetze brauchen, gilt unverändert. In diesen Tagen, in denen selbst ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss vom Geheimdienst BND genasführt ist es wichtig, an die Maxime von Simitis zu erinnern, dass der bewusste Verzicht auf zugängliche Informationen eine Grundvoraussetzung der Demokratie ist. Für den Datenschutzpropheten gibt es nur ein passendes Geburtstagsständchen.

Große Ereignisse werfen wieder einmal ihren Schatten voraus, besonders wenn sie, wie der IT-Gipfel in Hamburg, die Zugspitze überragen. Das ist zwar der höchste Berg in Deutschland, aber er setzt sich nicht für den Breitbandausbau ein. Darum gleich noch ein Filmchen. 50 Megabit bis 2018 in jedem Haushalt! Wer wird denn da noch irritiert sein, wenn unsere Kanzlerin die aktuell aufs Eis gelegte Netzneutralität so definiert:

"Hier geht es um ein europa-einheitliches Vorgehen, zum Beispiel bei der Frage der Netzneutralität, die es ermöglicht, dass jeder Zugang zum Internet hat und trotzdem bestimmte Spezialdienste von jedermann auch so angeboten werden können, dass das Ganze sicher ist."

Da kommt man glatt ins Grübeln wie sonst nur bei einer Lanier-Rede: Wer ist bloß dieser Jedermann, der Spezialdienste anbietet, die besonders sicher sind? Darf es ein bisschen mehr sein und dann natürlich ein bisserl mehr Taler kosten? Doch halt, alles wird gut, wenn man es gefickt einschädelt, sagt unsere Kanzlerin. Denn das Internet ist eine Art perpetuum netzle:

"Wenn man es geschickt macht, entstehen aus jedem neuen Internetprodukt auch wieder neue Arbeitsplätze."

Arbeitsplätze? Hat da jemand Arbeitsplätze gesagt? Die gibt es bekanntlich bei der Bundeswehr. In der nächsten Woche startet unsere nach einem kleinen Fehlschlag eine Werbekampagne, die sich wohltuend von islamistischen Rekrutierungsvideos abhebt: Schöne Pferde, schöne Frauen und ewig rauscht das Meer. Wir. Dienen. Deutschland. Und aus diesem unseren Land kommen Islamisten nicht mehr raus. Wenn einem soviel Gutes widerfährt, dann will man mithelfen bei denen, die vor der Gewalt flüchten müssen. Oder ist ein knallhartes Positionspapier zur Sicherheitslage nicht die bessere Antwort?

(anw)