Futurologie vom Feinsten

Als sich H.G. Wells 1901 die Welt im Jahr 2000 vorstellte, lag er gleichzeitig bemerkenswert richtig und völlig daneben. Aber die Technik könnte ihm doch noch Recht geben.

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Als sich H.G. Wells 1901 die Welt im Jahr 2000 vorstellte, lag er gleichzeitig bemerkenswert richtig und völlig daneben. Aber die Technik könnte ihm doch noch Recht geben.

Ich lese gerade die „Anticipations“ von H.G. Wells. In den 1901 erschienenen Aufsätzen versucht Wells sehr sachlich, sich die Welt im Jahr 2000 auszumalen. Dabei gelingen ihm einige bemerkenswert genaue Vorhersagen – etwa, wie die Eisenbahn weitgehend vom Automobil verdrängt wird, und wie das zur Zersiedelung der Landschaft führen wird. Ich hatte beim Lesen nie das Gefühl, dies seien Glückstreffer: Wells deduziert sehr systematisch, welche Kräfte neue Technik auf eine Gesellschaft ausübt und was daraus folgt. Futurologie vom Feinsten eben.

Doch in einem Punkt lag der gute Wells völlig daneben: Er hielt es für ausgemacht, dass sich die urbane Bevölkerung des 21. Jahrhunderts vorwiegend auf automatischen Laufbändern durch die Straßen bewegen wird. Das Auf-, Ab- und Umsteigen sollten große rotierende Scheiben ermöglichen. So nahe liegen Vision und Irrtum beieinander, wenn es um die Zukunft geht.

Obwohl: Vielleicht wird ja doch noch was daraus. Die FAZ berichtet über ein Laufband von ThyssenKrupp, das durch ausgeklügelte Beschleunigungs- und Verzögerungsstrecken Geschwindigkeiten von rund sieben km/h erreicht. Wenn man sich dann auch noch selbst zügig fortbewegt (und die Stehenbleiber und Bummler brav rechts bleiben), kann man es auf satte zwölf km/h bringen. Berücksichtigt man die durchschnittlichen Wartezeiten auf Busse oder S-Bahnen, wäre man damit auf kurzen Strecken kaum langsamer. Und die Menschen blieben in Bewegung. So gesehen wären die Förderbänder das fußgängerische Äquivalent zum Pedelec. Halb Mensch, halb Maschine.

Als Ergänzung zu den anderen öffentlichen Verkehrsmitteln hätte das auch außerhalb von Messen und Flughäfen durchaus gewissen Charme – etwa als Verbindung von dezentralen Bahnhöfen in die Innenstadt. Etwas Futurismus könnte der Verkehrspolitik manchmal nicht schaden. (grh)