Die Suche nach dem Geist des Internets
Douglas Coupland hat sich monatelang beim NetzwerkausrĂĽster Alcatel-Lucent herumgetrieben. Was wollte er dort finden?
Douglas Coupland hat sich monatelang beim NetzwerkausrĂĽster Alcatel-Lucent herumgetrieben. Was wollte er dort finden?
Dies ist ein Buch über ein Unternehmen, von dem Sie wahrscheinlich nie gehört haben", heißt es auf dem Cover. "Es hat keinen Steve Jobs und ist lediglich die Nr. 461 der größten Firmen der Erde." Die Rede ist vom Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent. Was kommt heraus, wenn sich ein so brillanter Autor wie Douglas Coupland ("Generation X") monatelang bei einem so drögen Unternehmen herumtreibt?
In einer Mischung aus Essay und Reportage versucht Coupland, sich zum Kern des Konzerns voranzutasten. Er spricht mit Dutzenden Mitarbeitern in den USA, Kanada, Frankreich und China, beschreibt ihren Werdegang und ihre BĂĽros. Sein Eindruck: "Ihnen ist ĂĽberhaupt nicht klar, wie interessant ihre Firma ist." SchlieĂźlich dĂĽrfte jede Internetsuche, jede Mail und jedes Telefonat an irgendeiner Stelle ĂĽber Technik von Alcatel-Lucent laufen.
Auch die Bell Labs, in denen praktisch die halbe moderne Telekommunikationstechnik erfunden worden ist, gehören heute zum Konzern. Coupland beschreibt sie als Zeitkapsel aus den Achtzigern, in der eine überalterte Belegschaft in düsteren Räumen versucht, mit der Gegenwart Schritt zu halten.
Für technische Details interessiert sich Coupland nicht. Ihn leitet vor allem eine Frage: Was lernen wir durch die Digitalisierung über uns, was wir nicht schon vorher wussten? Den Gesprächspartnern ist diese philosophische Ebene meist völlig fremd. Es geht ihnen vor allem darum, Daten noch effizienter von A nach B zu schaufeln. "Sie halten sich für eine Art Klempner, nur dass es bei ihnen um Informationen geht", so Coupland.
Der Leser fragt sich an solchen Stellen: Was glaubte Coupland denn, bei einem Hardwarehersteller finden zu können? Den Geist des Internets?
Und so flüchtet sich Coupland in Betrachtungen darüber, was die Digitalisierung mit uns macht. Diese sind nicht immer neu, aber stets pointiert formuliert. "Ich vermisse mein Prä-Internet-Hirn", gesteht er etwa. "Das Internet hat sich in meinen Kopf gebohrt und dort Eier gelegt, und es fühlt sich an, als würden sie gerade schlüpfen."
Die Antwort auf seine zentrale Frage gibt sich Coupland zum Schluss selbst: "Die Menschen sind neugieriger, als ich ihnen zugetraut hätte. Sie vernetzen sich viel lieber miteinander, als ich 1992 gedacht hätte. Und sie haben mehr Humor." Für diese Erkenntnis hätte er zwar nicht Alcatel-Lucent gebraucht. Aber der Konzern gibt einen schönen Rahmen für Couplands Aphorismen.
Douglas Coupland: "Kitten Clone", Visual Editions, 208 Seiten, 27,45 Euro (bsc)