Forscher täuschen Geschmackssinn

Wasser kann nach Zitrone schmecken, wenn man eine Gummizunge für die eigene hält.

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Versuchsaufbau zur Rubber Hand Illusion

Die Rubber-Hand-Illusion - ein klassischer Versuch der Sinnestäuschung, der zahlreiche phantasievolle Varianten erfahren hat.

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Werden verschiedene Sinneskanäle geschickt miteinander kombiniert, kommt es zu neuen überraschenden Phänomenen. Das berichtet das Magazin „Technology Review“ in seiner aktuellen Ausgabe 12/2014 (jetzt am Kiosk oder hier zu bestellen).

Bereits zum Klassiker geworden ist ein Versuch der US-Psychologen Matthew Botvinick und Jonathan Cohen von 1998: Sie setzten ihre Versuchspersonen so an einen Tisch, dass eine Sichtblende die linke Hand verdeckte. Sichtbar daneben platzierten sie die künstliche und die echte Hand und reizten sie gleichzeitig mit einem Pinsel. Die Probanden hatten das Gefühl, die Gummihand gehöre zu ihrem Körper.

Der Trick funktioniert auch, wenn der Tastsinn durch einen anderen Sinneskanal ersetzt wird. Bielefelder Wissenschaftler um Irene Senna klopften leicht mit einem Hämmerchen auf die verdeckte Hand von Probanden und spielten dazu synchron das „Pling“ eines Werkzeugs vor, das auf Marmor schlägt. Die Versuchspersonen berichteten anschließend, ihre Hand fühle sich steifer, schwerer, härter und unnatürlicher an – also insgesamt „marmoriger“. Das geänderte Körperbild ging mit messbaren neurologischen Veränderungen einher: Wenn Versuchspersonen unter dem Eindruck der „Marmor Hand Illusion“ mit einer Nadel bedroht wurden, änderte sich ihr Hautwiderstand – ein Indiz für gesteigerte Erregung – stärker als bei einer Kontrollgruppe. Warum, ist bislang ungeklärt.

Den Multisensorik-Forschern Charles Michel und Charles Spence gelang es sogar, den Geschmackssinn zu täuschen („Butcher's Tongue Illusion“). Dazu baute Michel aus der Papierkassette eines Druckers ein kleines Spiegelkabinett. Versuchspersonen steckten ihre Zunge hinein und bekamen deren vermeintliches Spiegelbild zu sehen. Tatsächlich aber sahen sie das Spiegelbild einer Gummizunge. Wurde ein Laserpointer auf die falsche Zunge gerichtet, glaubten die Probanden, die Wärme auf der eigenen Zunge zu spüren. Und tupfte der Versuchsleiter gleichzeitig etwas Zitronensaft auf die künstliche und schlichtes Wasser auf die echte Zunge, spürten die Probanden trotzdem einen sauren Geschmack.

Welche Anwendungsmöglichkeiten sich aus der Kombination verschiedener Sinneskanäle ergeben können, beginnen Forscher gerade erst auszuloten. „Sie kann zum Beispiel helfen zu verstehen, warum Menschen Prothesen als Teil ihres Körpers wahrnehmen“, sagt Irene Senna über den Nutzen der von ihr untersuchten Marmorhand-Illusion. Auch der Phantomschmerz amputierter Gliedmaßen oder das gestörte Körperbild von Magersüchtigen ließe sich auf diese Weise untersuchen. Eine weitere Anwendung: Verschmelzen Roboter- oder Drohnenpiloten durch geschickte multisensorische Stimulation mental vollkommen mit ihren Maschinen, könnten sie diese entsprechend virtuos beherrschen.

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(grh)