Steve Jobs lebt weiter – im Patentamt
Apple-Beobachter fürchteten, nach dem Tod des Gründers habe das Unternehmen keine große Zukunft mehr vor sich. Doch es befinden sich noch mehrere in seinem Namen angemeldete Patente in der Prüfung. Wie bedeutend die überhaupt sind, darüber lässt sich streiten.
- Antonio Regalado
Apple-Beobachter fürchteten, nach dem Tod des Gründers habe das Unternehmen keine große Zukunft mehr vor sich. Doch es befinden sich noch mehrere in seinem Namen angemeldete Patente in der Prüfung. Wie bedeutend die überhaupt sind, darüber lässt sich streiten.
Was ist das Vermächtnis von Steve Jobs? Zum Beispiel das: Seit seinem Krebstod im Jahr 2011 wurden dem früheren Apple-Chef in den USA 141 Patente zugesprochen. Das ist mehr, als die meisten Erfinder in ihrem ganzen Leben schaffen.
Jobs war eng an den Details vieler Apple-Produkte beteiligt, und immer noch werden manche seiner Patentanmeldungen vom U.S. Patent and Trademark Office geprüft. Die hohe Zahl der Patente hängt mit den intensiven Bemühungen von Apple zusammen, möglichst jeden Aspekt seiner Produkte zu patentieren – Jobs selbst hat das gefördert. Insgesamt wurde ein Drittel der 458 Jobs zugeschriebenen Patente und Geschmacksmuster nach seinem Tod erteilt.
An den Patenten lässt sich die Entwicklung von Apple vom Start-up zu einem der größten Unternehmen der Welt nachvollziehen. Sein erstes Patent bekam Jobs 1983 – es bezog sich schlicht auf einen "Personal Computer". Eines der neuesten, beantragt nach seinem Tod und erteilt in diesem August, betrifft das Design des spektakulären Glaswürfels, der den Eingang zum Apple-Store in der Fifth Avenue in New York ziert.
Manche Apple-Beobachter haben Zweifel, ob das Unternehmen auch ohne seinen charismatischen GrĂĽnder Erfolg haben kann. Der aktuelle CEO Tim Cook ist ein pragmatischer Lieferkettenspezialist. Seinen Aufstieg im Unternehmen verdankt er seiner Arbeit daran, dass chinesische Fabriken iPhones rechtzeitig ausliefern. In einem Patent ist der Name von Cook noch nie aufgetaucht.
Zu den Skeptikern zählt die Journalistin Yukari Iwatane Kane, die in diesem Jahr das Buch Haunted Empire: Apple After Steve Jobs veröffentlicht hat. Darin argumentiert sie, ohne Jobs werde Apple stagnieren und an Bedeutung verlieren. Ähnlich wie Polaroid ohne Edwin Land oder Sony ohne Akio Morita werde auch Apple ohne das launische Genie, das für "faszinierende" Produkte sorgte, keinen Erfolg mehr haben.
Noch allerdings wächst Apple rasant. Zuletzt wurden neue viel versprechende neue Produkte wie die Apple Watch und das Zahlungssystem Apple Pay angekündigt. Und der Umsatz nimmt immer weiter zu. Seit der Amtsübernahme von Cook hat er sich auf 182 Milliarden Dollar pro Jahr mehr als verdoppelt.
Im Jahr 2012 wurde Jobs posthum in die National Inventors Hall of Fame der USA aufgenommen. Es gibt sogar eine Wanderausstellung über ihn: "Patents and Trademarks of Steve Jobs: Art and Technology that Changed the World", zuletzt zu sehen in der Bibliothek von Denver. Doch wenn Apple auch unter der neuen Führung Erfolg hat, könnte das der Anlass sein, einen neuen Blick auf die Bedeutung seiner Patente zu werfen.
Die vielen Patente von Jobs "machen ihn noch nicht zu einem der größten Erfinder in der amerikanischen Geschichte", sagt Florian Müller, ein Programmierer und Patentberater aus Deutschland, der die Patentstreitigkeiten um das iPhone genau verfolgt. Laut Müller beziehen sich viele der Schutzrechte von Jobs auf Geschmacksmuster, etwa bei Aussehen und Bedienung des iPhone, und nicht auf substanziellere technische Fortschritte.
"Ob man Steve Jobs als großen Erfinder ansieht, hängt davon ab, ob man bereit ist, diesen Begriff sehr weit zu definieren", sagt Müller. "Ich bin überzeugt, dass echte amerikanische Erfinder wie Edison, Bell oder Whitney ihm Anerkennung für seine Beiträge und Leistungen zollen würden. Aber sie würden ihn nicht als einen der Ihren ansehen."
Ein Kritikpunkt ist, dass Jobs' Name in den Patenten häufig nur neben einer Reihe von weiteren auftaucht – die Erfindungen oder Designs kamen also nicht von ihm allein. Stattdessen profitierte Jobs mit von der Arbeit seiner mehr als 80.000 Beschäftigten. Laut Kane hat das zu "der Legende beigetragen, er sei ein Visionär, wie es ihn nur einmal pro Generation gibt".
Tim Wasko hat unter anderem die Bedienoberfläche für den Quicktime-Player von Apple und den iPod entwickelt. Wie er erzählt, gab Jobs ihm Rückmeldungen zu kleinen Details, und wurde dann oft auch in den Patenten genannt. So war es laut Wasko auch bei seinem Konzept für eine Schaltfläche in einer Apple-Software namens iDVD. Das Icon schließt sich langsam wie eine Iris, so dass Nutzer nicht versehentlich einen Brennvorgang starten. "Es sah ziemlich cool aus, also mochte er es sehr", berichtet Wasko. "Er hatte nützliche Anmerkungen und Vorschläge dazu, und es ist in Ordnung, dass er mit auf dem Patent steht."
Verstorbene Erfinder können Patente erteilt bekommen, wenn sich der Prüfungsprozess hinzieht oder wenn Anwälte eine "Fortsetzung" beantragen – im Wesentlichen neue Versionen alter Patente. Und je mehr Anwälte und Geld ein Erfinder hat, desto eher wird er auch nach seinem Tod bedacht. Jerome Lemelson zum Beispiel, der zeitweise umstrittene freie Erfinder, von dem unter anderem Barcode-Lesegeräte stammen, erhielt nach seinem Tod mit 74 im Jahr 1997 noch 96 Patente.
Wessen Name auf einem Patent erwähnt wird, ist manchmal ebenso wichtig wie der eigentliche Inhalt, zumindest wenn es um Steve Jobs geht. Im Jahr 2012 gab es einen Patentprozess gegen Motorola und Google. Darin forderte die Richterin die Apple-Anwälte offiziell auf, ein wichtiges Patent zum Scrollen und Wischen auf einem Touchscreen nicht mehr als "das Patent von Steve Jobs" zu bezeichnen. Ihre Überlegung: Durch die Nennung des populären Apple-Gründer versuchte das Unternehmen, den Prozess zu einem Beliebtheitswettbewerb zu machen (Jobs war der erste von 25 in der Patentschrift genannten Erfindern).
Selbst als Job schon krank war, meldeten Apple-Anwälte weiterhin alle paar Tage Patente in seinem Namen an. Eines davon, eine Variante einer scrollbaren Symbolleiste unter OS X, kam am 4. Oktober 2011, einen Tag vor seinem Tod.
Und noch immer erscheint Jobs' Name auf neuen Patenten. Einige davon lassen Einblick in seine persönlichen Interessen zu, etwas die 260-Fuß-Superyacht Venus, die er bestellt und mit gestaltet hat: In diesem März nannte das Unternehmen Savant Systems aus Cape Cod den Apple-Gründer als Haupterfinder bei einem Patent zur Steuerung von Schiffen über Tablet-Computer wie das iPad. (bsc)