Was war, was wird: Von Autobahnen, Fluchtfahrzeugen und dem aufrechten Gang
Glückliche Seufzer und frühlingshaftes Stöhnen hallen durch die norddeutsche Tiefebene. Der Lenz kommt und bringt den heißen Scheiß Jetzt ganz neu: "Predictive Geheimdiensting". Hal Faber weiß, wie kaputt das Internet ist.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll über die norddeutsche Tiefebene. Das Land seufzt fett und glücklich, denn Frühling wird's und die Blumen der d!conomy träumen schon, wollen balde nach Hannover kommen. Die CeBIT ruft und unsere Kanzlerin gurrt und freut sich über die "enge deutsch-chinesische Zusammenarbeit", die auf der Messe gefeiert werden soll. Von China lernen, heißt siegen lernen und zwar im Klartext. Eröffnet wird die CeBIT von Jack Ma und Glenn Greenwald, was für eine wunderbar frühlingsfrische Kombination ist das, von Iniativ-Kapitalist und Investigativ-Aktivist!
*** Da flattert ein blaues Band durch die Lüfte und liefert per Drohne Produkte ab, bei denen zwei von drei gefälscht sein sollen. Ein blaues Ehrenbändchen auch für den Journalisten, der mit seinen häppchenweisen Veröffentlichungen aus dem Snowden-Fundus nun die lieblichen Pferde vorführt und ohne Vorwarnung die Twitter-Konten derjenigen nennt, die von NSA und GCHQ überwacht werden. Nun gut, viele der dort aufgelisteten wie Mikko Hypponen wissen längst, wie kaputt das Internet ist.
*** Glückliche Seufzer und frühlingshaftes Stöhnen klingt denn auch aus dem fernen Amerika zu uns, wo Firmen wie Booz Allen Hamilton, Raytheon oder CSC an der Börse punkten konnten: Nicht weniger als 14 Milliarden Dollar sind im neuen Haushaltsentwurf der US-Regierung für die Entwicklung von "Cyber Security" vorgesehen, da ist für jeden dieser Spezialisten das eine oder andere Geschäftlein drin. Nun gut, viele werden jetzt auf die 53,9 Milliarden Dollar verweisen, die die Geheimdienste für ihre ehrenvolle Arbeit haben wollen. Die sind aber größtenteils gebunden und angelegt, in großen Datensilos für die Speicherung von Metadaten hübsch belastbarer Esel. Dagegen ist die nun von Obama ausgerufene Cyber Security ein neues Feld, in dem geklotzt werden darf.
*** Nun gut, so ganz neu ist es nicht, auch nicht bei uns, wie es diese Rede des Präsidenten des ehrenhaften Bundesnachrichtendienst beweist. In ihr spricht Gerhard Schindler von den auswärtigen Wirtschaftsspionen und von SSCD, dem "SIGINT Support für Cyber Defense", einem besonders vielversprechenden Ansatz. Die dann folgende Beschreibung von SSCD verdient vor dem Hintergrund des aktuellen BND-Skandals genaue Lektüre. Begeben wir mal wieder auf die allseits bekannte Datenautobahn:
"Bildlich gesprochen suchen wir auf einer stark befahrenen Autobahn ein Fluchtfahrzeug, das Diebesgut mit sich führt. Manchmal haben wir nur das Kennzeichen, manchmal vielleicht nur die Autofarbe. Der Fahrer des Fluchtfahrzeuges kann sich allerdings auch tarnen: etwa das Nummernschild ändern oder die Autobahn wechseln. Wenn wir das Fluchtfahrzeug trotz all seiner Tricks finden und anhalten und dann auch noch an das Fahrtenbuch gelangen, haben wir erste Hinweise darauf, wer die Hintermänner sein könnten. Die alles entscheidende Voraussetzung für den Erfolg ist, dass man eine umfangreiche Datenbasis über mögliche Angreifer, benutzte Angriffswege, Kontrollstrukturen und technische Details der Schadsoftware inklusive verwendeter Tarnverfahren hat."
Ran an die Fahrtenbücher! Her mit den Daten und zwar mit den Daten aller Autos, aller Fahrer, aller Passagiere und all das Metazeug bis hin zum letzten Ölwechsel, das brauchen wir auch noch. Denn nur so kommt das demnächst auf dem Polizeikongress zu diskutierende Predictive Policiing zu den wunderbarsten Erfolgen, im Gewand des "Predictive Geheimdiensting":
"Idealerweise fangen wir das Fluchtfahrzeug allerdings bereits ab, bevor es das Diebesgut überhaupt aufnimmt."
Ein Fluchtfahrzeug, das ganz ohne Dieb und Diebesgut schon auf der Flucht ist und gefangen werden darf, so sieht das Frühlingserwachen der Geheimdienstler aus. Inmitten der konkreten Beispiele, die der BND-Präsident aufführt, finden sich lustige Sachen. Dazu gehört ein über die "Auslandserfassung" ermittelter Cyber-Angriff auf Frankreich zum Beispiel, gefolgt von einem Angriff auf Deutschland, wo längst die Firewalls "scharf gestellt" wurden und daher alles abschmettern können. Das wichtigste von Schindler angeführte Beispiel hat im Kontext der aktuellen Debatte über die Zusammenarbeit von BND, NSA und GCHQ geradezu hufelschultische Qualitäten:
"Ein ausländischer Dienst hat im Rahmen seiner Cyberabwehr einen Teil einer Angriffsstruktur aufgeklärt. Es handelt sich dabei – sagen wir – um einen Server auf den Malediven, auf welchen eine erfolgreich installierte Spionagesoftware ihre abgezogenen Daten meldet. Im Rahmen der Zusammenarbeit wird diese Information an den Bundesnachrichtendienst gegeben, und die IP-Adresse des Servers auf den Malediven wird als Selektionskriterium in unsere Sensorik eingesteuert. Jetzt kann man anhand der Erfassungen feststellen, welche Rechner sich ebenfalls infiziert haben und ihre Daten ungewollt an Server auf den Malediven melden."
*** All diese Aktionen in Sachen Cyber Security werden wohlgemerkt mit der feindlichen Wirtschaftsspionage gerechtfertigt, die Deutschlands "Hidden Champions" ausmanövrieren soll. Tausende von Firmen sind es, etwa Deutschlands Maschinenbauer, die dieses unsere Land dank der Industrie 4.0 in eine strahlende Zukunft führen soll. Aber die Sache mit der Wirtschaftsspionage ist bei uns ebenso wie in den USA ein Ablenkungsmanöver, das nur bei denen funktioniert, die noch daran glauben, dass Wirtschaftsmacht auf der Güterproduktion beruht. Längst hat indessen die Produktion von Informationen den alten Kreislauf abgelöst, Google und Facebook lassen – nachträglich zur letzten Wochenschau – grüßen. Hier gewinnt, wer die Macht hat, die Fragen nach bestimmten Informationen so zu steuern, das nur bestimmte Antworten zugelassen sind, oder, um in Schindlers Beispielswelt zu bleiben: Hier gewinnt der, der ein beliebiges Auto als Fluchtfahrzeug bezeichnen kann. Unten bleibt hier, wer hilflos ein Recht auf Vergessen fordert und prompt großzügig gewährt bekommt. Der tiefe Staat in dem durch Snowden aufgeklärtem Informationszeitalter kann es sich dabei leisten, seinen Diensten die Leviten zu lesen: Ja, was sich das britische GCHQ geleistet hat, war illegal. Doch jetzt ist alles gut und die Medien wie die Freunde von Snowden freuen sich über ihren "Sieg".
Was wird.
Die schöne Utopie vom Aufrechten Gang ist längst der Autokorrektur zum Opfer gefallen. Bestenfalls kann man noch eine Userbewertung abgeben und das Lied bei Amazon kaufen. Seit gestern ist die c't draußen und mit ihr ein Text über den Geldmangel bei einem wichtigen Kryptoprojekt, der schnellstens behoben werden konnte. Schließlich ist Kryptographie die wichtigste Waffe gegen autoritäre Regime oder für den Schutz der Polizei. Glaubt man der Gesellschaft für Informatik, so ist Kryptographie sogar die einzige Hilfe vor der ständigen drohenden Sabotage der Informationsgesellschaft.
Nun führte die Nachricht über die Geldprobleme bei GPG dazu, dass sich ein prominenter Nachrichtenversteher aus dem Umfeld des kryptofreundlichen Chaos Computer Club aufregte und einen ziemlich wütenden Blick auf die Produktion von Open Source Software warf. Tenor der Anklage: Solange es kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, arbeitet man besser für Microsoft und nutzt die Freizeit für seine Lernprojekte, weil Open Source eine Freizeitbeschäftigung ist und bleiben soll. Wer diese protestantische Ethik nicht und sogar noch "Staatsknete" annimmt, ist auf einer "Ansehensstufe mit Steuerhinterziehern". Schließlich folgt am Schluss ein borniertes, typisch deutsches Argument: Denkt an die Kinder! Was nicht ohne Widerspruch und Zustimmung blieb, auch im Heise-Forum. Ein Ende ist nicht abzusehen, in nächster Woche geht es sicher weiter. Wir lernen, dass die neuen Crypto Wars ihre lustigen Seiten haben. Es gibt übrigens genug Projekte, die Spenden benötigen.
Vergessen wir die Berlinale! Die Stadt hat nichts frühlingshaftes, überall hängen Propagandaplakate herum und verschandeln zierliche Gebäude wie das ICC mit dem Slogan Wir wollen die Spiele. Berlin will spielen, 88 Jahre nach den Führer-Spielen mit Jesse Owens. Es gibt andere Filme: Heute vor 100 Jahren wurde Griffiths Birth of a Nation aufgeführt, ein übles rassistisches Film-Meisterwerk. Mit dem meisterlichen Remix rebirth of a Nation von DJ Spooky sei daran erinnert, dass unser Remix-Wettbewerb gestartet ist. Man gönnt sich ja sonst nichts.
(vbr)