Ex-US-Energieminister: „Es gab Widerstand gegen neue Forschung“
Der Physik-Nobelpreisträger und ehemalige US-Energieminister Steven Chu wünscht sich, er hätte während seiner Amtszeit weniger auf Angsthasen gehört.
(Bild: Bard-Gruppe)
Mit dem Physik-Nobelpreisträger Steven Chu wurde 2009 ein profilierter Forscher US-Energieminister. In seiner vierjährigen Amtszeit machte er das Ministerium innovativer. Er gründete die „Advanced Research Projects Agency for Energy“ für Projekte, die noch nicht bereit für private Investitionen sind. Außerdem richtete er „Innovation Hubs“, in denen Fachleute unterschiedlicher Disziplinen zusammen an Energieproblemen forschten, und neue Förderprogramme für Solarforschung ein. Mittlerweile arbeitet Chu wieder mit seiner Forschungsgruppe an der Stanford University. In der aktuellen Ausgabe 3/2015 des Magazins „Technology Review“ (jetzt am Kiosk oder hier zu bestellen) spricht er über seine Erfahrungen im Weißen Haus.
TECHNOLOGY REVIEW: Was war für Sie das Frustrierendste oder Enttäuschendste während Ihrer Zeit als Energieminister?
STEVEN CHU: Innerhalb des Ministeriums gab es eine gewisse Trägheit, alte Programme beizubehalten, und Reibung bei neuen Ansätzen. In der Biotreibstoff-Forschung zum Beispiel wollte ich ein weites Netz nach neuen Ideen auswerfen, aber es gab Widerstand gegen neue Forschung, die nicht in die Definitionen von Treibstoffen des Agrarministeriums passten. Ich wollte, dass neue Ideen nach ihren Aussichten finanziert werden, und erst hinterher über die Kategorisierung nachdenken.
Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg und Ihren größten Fehler?
Mein größter Erfolg war, dass ich dabei helfen konnte, sehr kompetente Wissenschaftler und Ingenieure zu rekrutieren. Als praktizierender Wissenschaftler – spätabends oder am Wochenende – war ich außerdem besser in der Lage, die richtigen Fragen zu stellen. Mein größter Fehler war vielleicht, dass ich anfangs bei nicht-wissenschaftlichen Fragen zu sehr auf „Experten“ gehört habe. Vor allem dann, wenn der Rat von Angsthasen kam, die sich mehr um negative Reaktionen sorgten als darum, das Richtige zu tun.
Was sollte Barack Obama in seinen letzten zwei Amtsjahren im Energiebereich noch versuchen zu erreichen?
Präsident Obama tut das Richtige, wenn er über die Umweltschutzbehörde EPA auf Standards für Quecksilber, Rußpartikel und Kohlendioxid für alle Kraftwerke ab einer bestimmten Größe drängt. Ich würde gern sehen, dass er einen Dialog mit Ländern beginnt, die einen substanziellen Preis auf Kohlendioxid erheben oder daran arbeiten, in verschiedenen Branchen weniger kohlenstoffintensiv zu werden. Die Kohlendioxidemissionen bei der Produktion der gleichen Stahlsorten zum Beispiel variieren erheblich. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Produktions- und Extraktionsbranchen davon abbringen, immer zum billigsten Produzenten mit der stärksten Verschmutzung zu wechseln. China arbeitet intensiv daran, die Kohlenstoffintensität seiner Branchen zu verringern und dürfte einen Preis für Kohlendioxid einführen.
Welche Projekte finden Sie zurzeit spannend?
Als ich das Ministerium verließ, haben mich viele Unternehmen in ihre Aufsichtsräte eingeladen. Bei einigen habe ich zugesagt, zum Beispiel bei Amprius (einem Start-up aus Stanford, das an Lithium-Ionen-Batterien arbeitet; d. Red.). Professor Yi Cui und ich haben ein paar Fachartikel über neue Ansätze für Batterien mit Lithium-Metall-Anoden veröffentlicht. Es ist längst bekannt, dass Batterien mit Lithium-Metall-Schwefel-Kathoden eine fünfmal so hohe Energiedichte ermöglichen würden. Außerdem suchen wir nach einer haltbaren Batterie, die sich zehnmal schneller laden lässt.
Sie sitzen außerdem im Aufsichtsrat eines kanadischen Start-ups namens Inventys. Warum?
Ich versuche dort, bei einigen eher technischen Aspekten der Kohlendioxid-Abscheidung bei Gaskraftwerken zu helfen – oder auch bei Kohlekraft-, Stahl- oder Zementwerken. Die konventionellen Methoden sind zu teuer. Wir wollen die Kosten der Abscheidung auf 15 Dollar pro Tonne reduzieren. Aktuelle Technologien würden im großen Maßstab rund 60 Dollar kosten. 15 Dollar würde Kohlendioxid-Abscheidung in den USA und China realistisch machen. (Interview: David Talbot) (grh)