Druck auf Expo-Gesellschaft wegen enttäuschender Besucherzahlen
Nach einer enttäuschenden Besucherbilanz der ersten acht Tage wächst der Druck von Politik und Sponsoren auf die Expo-Gesellschaft. Auch die Hotelpreise in Hannover beginnen bereits zu bröckeln.
Nach einer enttäuschenden Besucherbilanz der ersten acht Tagen hofft die Expo 2000 in Hannover auf eine Trendwende. Zwar seien bisher erst rund eine halbe Million zahlende Gäste auf der Weltausstellung gezählt worden. Doch habe im Vorverkauf die Zahl der abgesetzten Tickets deutlich auf mehr als 70.000 pro Tag zugenommen, teilte die Geschäftsführung am Samstag mit. Nach langen Auseinandersetzungen um das Ticketsystem und die Unmöglichkeit, schnell Besucherzahlen zu veröffentlichen, gab die Expo-Gesellschaft nun die Zahlen für die ersten acht Tage bekannt. Danach besuchten 646.000 Menschen die Weltausstellung in Hannover. Das entspreche einem Durchschnitt von 80.750 Personen pro Tag. Die Expo hat damit ihr Besucherziel in dieser Zeit um fast die Hälfte verfehlt. Damit wurde bereits ein Loch in zweistelliger Millionenhöhe in die Kasse gerissen.
Angesichts der enttäuschenden Besucherzahlen machen Politiker weiter Druck auf die Expo-Spitze, die Preise zu senken. "Wenn Pfingsten keine Wende bringt, muss die Geschäftsführung ihr Konzept ändern, die Eintrittspreise für Gruppen senken, für mehr Wettbewerb und Sonderangebote der Gastronomie sorgen", forderte der Vorsitzende des Bundestags-Haushaltsausschusses, Adolf Roth (CDU). Der Grünen-Haushaltsexperte Oswald Metzger sagte: "Der Bund bürgt für die Expo und kann von der Geschäftsführung verlangen, dass sie sich was einfallen lässt." Der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Karl Heinz Däke, möchte einen "Krisengipfel" der Finanzminister von Bund und Land Niedersachsen mit der Expo-Führung. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Josef Hollerith rief Bundeskanzler Gerhard Schröder auf, die Expo zur Chefsache zu machen. "Als Mitinitiator der Expo ist der Bundeskanzler für den Erfolg der Weltausstellung mit verantwortlich." Werde jetzt nicht schnell gehandelt, zahle der Steuerzahler die Zeche. Der CSU- Abgeordnete Johannes Singhammer forderte den Bund auf, die Zuschüsse für die Expo aufzustocken, um bei "der Werbung ordentlich zu klotzen". Der CSU-Parlamentarier Gerd Müller regte an, die Eintrittspreise für Familien und Schulklassen zu halbieren. "Für eine Familie mit vier Kindern ist die Expo schlicht nicht bezahlbar."
Dagegen riet Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) erneut zur Gelassenheit. Auch die vergangenen Weltausstellungen seien zu Beginn nicht von großem Besucherandrang gesegnet gewesen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) mag seinem niedersächsischen Kollegen allerdings nicht zustimmen. Er hat sich für eine deutliche Senkung der Eintrittspreise für die Expo 2000 in Hannover ausgesprochen. Gleichzeitig forderte er in einem dpa-Gespräch ein stimmiges Gesamtkonzept, um mehr Besucher anzuziehen. "Damit die Expo zu einem Erfolg wird, ist eine andere Strategie dringend von Nöten", sagte Höppner. Die bisher angekündigten Korrekturen reichten nicht aus. Besonders für Familien und Einkommensschwache gebe es weiter Hürden, die viele von einem Besuch abhielten. Gerade in den neuen Bundesländern existiere ein enormes Potenzial für die Expo. Das habe, bei allen Schwierigkeiten des Vergleichs, die Bundesgartenschau 1999 in Magdeburg gezeigt. "Hier kostete die Eintrittskarte nur 20 Mark, und auch auf dem Gelände selbst waren moderate Preise die Regel", sagte der Ministerpräsident.
Für die Expo-Korrespondenzregion in Sachsen-Anhalt habe man die Erfahrungen der Bundesgartenschau berücksichtigt. Bei fast allen Projekten koste die Besichtigung nichts, oder es werde nur ein geringes Entgelt erhoben. Höppner wies darauf hin, dass es nicht nur die Eintrittspreise sind, die viele potenzielle Besucher abschreckten. Auch die Kosten der Anreise mit der Bahn, Parkplatzgebühren, hohe Preise für Speisen und Getränke auf dem Expo-Gelände und exorbitante Hotelpreise seien für die schwachen Besucherzahlen mitverantwortlich. "Deshalb müssen sich alle Beteiligten noch einmal zusammensetzen und ein Gesamtkonzept entwickeln, das auf eine deutliche Steigerung der Besucherzahlen abzielt," forderte Höppner. Schließlich sei die Expo eine hervorragende Schau: "Das Produkt stimmt, aber das Preis- Leistungs-Verhältnis muss besser werden." Zusätzliche Werbemaßnahmen allein reichten nicht aus.
Zumindest zu Pfingsten will die Expo-Gesellschaft mit Sonderaktionen insbesondere Familien auf das Gelände zu locken. Bei Rekordtemperaturen von 33 Grad kamen am Samstag Zehntausende, genaue Zahlen gab es aber noch nicht. Für den heutigen Pfingstsonntag wird zum Tag der Christlichen Kirchen erneut ein guter Besuch erwartet. Es soll kostenlose Führungen über das Gelände geben, außerdem bieten mehrere Restaurants preiswerte Menüs für Familien. Kinder bis zu 12 Jahren zahlen statt der sonst üblichen einen Mark nichts für Nutzung der Expo-Seilbahn. Die Eintrittspreise bleiben zwar unverändert, an den Tageskassen wird aber kein Zuschlag von 20 Mark verlangt.
Inzwischen sind auch die Hotelpreise in der Expo-Stadt Hannover in Bewegung gekommen. Nach dem Ausbleiben des erhofften Besucheransturms zur Weltausstellung kämpfen die Hoteliers mit Sonderaktionen, flexiblen Rabatten und Last-Minute-Angeboten um Gäste. So bietet das Marriott Zimmer am Wochenende nach eigenen Angaben für deutlich weniger Geld an als wochentags. Für ein üblicherweise 510 Mark teures Einzelzimmer werden dort am Wochenende noch 383 Mark verlangt. Das Arabella Sheraton zielt mit Last-Minute-Angeboten ab 350 Mark auf Kurzentschlossene. Der Normaltarif an Wochentagen liegt zwischen 500 und 600 Mark. "Wir sind flexibel. Wenn die Gäste länger bleiben, gibt es Rabatt", erklärte eine Sprecherin. Sie sprach offen von "Lockangeboten". Im Holiday Inn Crowne Plaza war eine Übernachtung am Pfingstwochenende für 295 Mark zu haben, das sind rund 100 Mark weniger als üblich. Auch das Copthorne in Laatzen geht nach den Worten einer Sprecherin "deutlich runter mit den Preisen". Zu Beginn der Expo kostete hier eine Nacht im Einzelzimmer 550 Mark, nun werden 475 Mark verlangt. Das Hotel plant zusätzliche Sonderaktionen. Das Radisson SAS direkt am Expo-Gelände hat bereits spezielle Angebote für Familien, die mindestens zwei Tage bleiben.
Bertelsmann, der viertgrößte Medienkonzern der Welt, will zudem der Expo-Gesellschaft auf dem Weg aus der Besucherflaute auf die Sprünge helfen. Das Unternehmen werde "plakative und eingängige" Werbespots für das Fernsehen auf seine Kosten produzieren lassen, sagte Bertelsmann-Sprecher Manfred Harnischfeger der dpa am Freitag. Es würden Gespräche mit ARD, ZDF, SAT.1, RTL sowie weiteren Privatsendern geführt, diese Spots im Fernsehen kostenlos auszustrahlen. Neben Bertelsmann scheint auch der Weltpartner Deutsche Telekom mit dem Marketing der Expo- Gesellschaft unzufrieden zu sein. Telekom-Sprecher erklärten bereits, die Expo habe phantastische Inhalte, aber es habe auch dramatische Marketingfehler gegeben. (jk)