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Was war. Was wird. Von Dreherchen, Kinderchen und Speicherchen. Und einem Trauerfall.

Ugh! Oder nicht? Trauer ist das eine, Empörung über das, was entgegen landläufiger Meinung keineswegs unausweislich ist, das andere. Das lässt sich Hal Faber nicht nehmen.

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Was war. Was wird. Von Dreherchen, Kinderchen und Speicherchen. Und einem Trauerfall.

(Bild: Reporter ohne Grenzen: Feinde des Internet)

Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war. >

*** Hanfinduzierte Teleportation. Oder doch nicht? Ein anderer Großer scheint den passenden Kommentar lange vor dem eigentlichen Anlass abgegeben zu haben. Uns aber bleibt nur ein "Ugh!", oder so: At last, Sir Terry, we must walk together. Oder, anders, zufällig aufgeschlagen nicht nur von Heise-Foristen: "Herr, was soll sich die Ernte erhoffen, wenn nicht das Interesse des Schnitters?"

*** Vorbei, vorbei, vorbei.

Kuscheltiere auf dem Weg zum Friedhof der Kuscheltiere

*** Aber nun gut, es gibt dafür schon seltsame Zahlenkombinationen und Dreher. Nach meinem Empfinden kann heute die Zahl 1,4032015 gefeiert werden, irgendwo in der Nähe von Wurzel 2, aber weil in den USA Datumsangaben skurril vertauscht sind, entsteht die Wochenschau am Pi Day, einem Supertag. Er ist passend garniert mit reichlich Spam, mit Raspberry Pi-Angeboten zu supertollen Preisen. Dann feiert mal schön, ihr Datumsdreher, denn der nächste Supertag dürfte am 9. Mai 3141 kommen und die meisten Heise-Leser nicht mehr interessieren. Manchmal sind Zahlendreher nicht nur skurril, sondern höchst gefährlich. Da wurde in Bremen ein Großalarm wegen unmittelbar drohender Islamistengefahr ausgelöst, und prompt wurde eine christlich aramäische Familie festgesetzt, weil französische Kennzeichen so schwierig zu lesen sind mit den Zahlen in der Mitte. Ein kleines Fehlerchen nur, ein Dreherchen und jede Ähnlichkeit mit Brazil ist meinem kränklichen Hirn geschuldet.

*** Was gegen den andauernden, nicht nachlassenden Terror getan werden kann, wird getan. Der schiere Umfang der Cyber-Propaganda der Islamisten mit ihren Drohungen, das Weiße Haus, Big Ben und den Eiffelturm in die Luft zu sprengen, muss bekämpft werden. Darüber informierte sich unser Bundesinnenminister Thomas de Maiziére auf dem informellen Treffen der europäischen Innenminister. Eine neue Truppe muss her, so der europäische Anti-Terror-Koordinator Gilles de Kerchove. Eine schlagkräftige Internet Referral Unit, angesiedelt bei der Polizeibehörde Europol, soll extremistische Inhalte zuverlässig aus dem Netz putzen. Favorisiert wird der Vorschlag von der lettischen Ratspräsidentschaft, für die das Projekt "Digital Europe" besonders wichtig ist, bis hin zur militärischen Cyber-Verteidigung.

*** Die lettische Tagung findet ausgerechnet in Berlin statt und ist einer von den Kongressen, über die die Bundesregierung ins Schwärmen kommt, wenn sie "Cyber Network Operations" (CNO) erläutern soll:

"Die technischen Möglichkeiten, im Internet zu operieren, sind universal, grundsätzlich bekannt und werden in offen zugänglichen Foren und Kongressen diskutiert. Schwachstellen in Soft- und Hardware werden genutzt, um in gegnerische Netzwerke einzudringen, dort aufzuklären, einzelne Funktionen zu stören und zeitweise außer Betrieb zu setzen oder dauerhaft zu schädigen. Das Vorgehen im Einzelfall hängt ab vom Operationsziel und von der Konstellation der Schutzfunktionen des gegnerischen Netzwerks. Dabei werden die Vorgehensweise und die dabei zu nutzenden Werkzeuge auf den Einzelfall zugeschnitten. CNO richten sich gegen gegnerische Computernetzwerke und dringen in diese ein. Dabei werden u.a. Zugangsmöglichkeiten über das Internet genutzt. Die Mittel des elektronischen Kampfes nutzen die physikalischen Bedingungen für die Wellenausbreitung im elektromagnetischen Spektrum."

*** Digital sich anschleichende Kämpfer im Tarnfleck hatten wir schon, jetzt wird das elektromagnetische Spektrum zum Schlachtfeld erklärt, auf dem der elektronische Kampf um die Wellen geführt wird. Dabei geht es ungemein gesittet zu beim Cyberkrieg:

"Von der zulässigen Tarnung strikt zu unterscheiden ist die unzulässige Nutzung falscher Identitäten mit dem Ziel, eine Zurechnung zu Zivilisten, zivilen Einrichtungen oder anderen geschützten Personen oder Objekten zu provozieren und sie so zum Ziel eines Gegenangriffs zu machen."

*** Daneben gibt es, auch das hatten wir schon, zulässige Stealthtechniken, die das Heimtückeverbot nicht verletzen, aber unsere Cybertruppe zuverlässig tarnen. Bedenklich an diesem CNO-Geschwurbel ist die Vorstellung, dass es verantwortliche Militärs gibt, die diesen Unsinn glauben. Das sind nicht die Geeks in Uniform, die im Battle Lab in Greding arbeiten, sondern Personen, die nur hübsche Powerpoints vom Cyberwar gesehen haben. Leider noch nicht verlinkbar ist ein Bericht der tageszeitung von der weltgrößten Waffenmesse Idex in Abu Dhabi, auf der erstmals Drohnen und Cyberwaffen ausgestellt werden durften. Besonders denkwürdig der ehemalige Entwicklungsminister Dirk Niebel, der am Stand seiner neuen Firma Rheinmetall für die Oerlikon High Energy Laser Gun wirbt, mit dem denkwürdigen Slogan "Low cost to kill ratio". Gut, das alles ist noch kein Cyberwar, denn der entsprechende Konferenzteil "Cyber Warfare" der Idex war nur geladenen Gästen zugänglich, die unter sich bleiben wollten. So wundert sich der taz-Reporter und schreibt:

"Der Schaukasten eines italienischen Unternehmens mit dem Namen 'Hacking Team' wirbt mit einer 'Hacking Suite für Regierungsspionage'. Die Slogans sind erstaunlich eindeutig: 'Erfassen Sie relevante Daten, egal, ob sie übermittelt werden oder nicht. Dringen Sie in PCs und mobile Geräte ein, um sie zu überwachen. Bleiben Sie unsichtbar und unauffindbar.'"

*** Hacking Team? Das sind die unsympathischen Zeitgenossen, deren Hacking-Handbücher enttarnt wurden, die Schnüffel-Software für Smartphone-Plattformen entwickelt und diese an 21 Staaten verkauft haben, darunter Äthiopien, Kasachstan und die Vereinigten Arabischen Emirate, allesamt nicht lupenreine Demokratien. Von Reporter ohne Grenzen wird die Firma zu den Feinden des Internet gezählt. Besagte Reporter sorgten am Donnerstag mit ihrer Aktion grenzenloses Internet für Verwirrung. Es ging um das Entsperren von neun Webseiten, die von elf Staaten blockiert werden. Eine Korrektur der Korrektur der Korrektur der eigentlichen Meldung am deklarierten "Welttag gegen Internetzensur", das kommt nicht alle Tage vor.

Was wird.

Heute abend wird die CeBIT eröffnet. Erstmals ist das ÖPNV-Ticket nicht Bestandteil des Messetickets, eine wirklich gelungene Demonstration des High-Tech-Standortes Deutschland. Die Kontrollen sollen moderat ausfallen. Wer Industrie 4.0 verständlich ohne Buzzwords erklären kann, bekommt ein kostengünstiges Guru-Guru-Ticket. Freuen wir uns also auf Claas 4.0 in der Landwirtschaft, auf Wirtschaftswunder 4.0 und was sonst noch mit 4.0 benamst werden kann, vielleicht Kinder 4.0. Damit wird IBMs Watson und sein Cognitive Cloud Computing angepriesen, ein System mit angeschlossenen mitlernenden CogniToys, die gemeinsam mit dem Kind lernen, wobei gleich beide Seiten immer "klüger" werden. Es ist ein Produkt für hippe Eltern, die zuvor ihre Kinder mit Babynes gestillt haben.

"Der kluge CogniToy-Dino beherrscht die Echtzeit-Konversation mit voller Spracherkennung, kann mündlich gestellte Fragen beantworten und erinnert sich an seinen Spielgefährten – weiß also dessen Name oder Lieblingsfarbe. Eltern können über eine cloudbasierte Plattform die Entwicklung ihres Kindes verfolgen und erhalten Einblicke in seine Lernfähigkeit und Vorlieben."

Wie war das noch in Zeiten, als aufmerksame Eltern ganz ohne Cloud "Einblicke" in das Leben ihrer Kinder hatten und sich nicht sonderlich um "Lernfähigkeiten und Vorlieben" kümmern mussten, sondern diese kannten? Das angepriesene WiFi-Überwachungsspielzeug kommt in Form einer ausgestorbenen Spezies. Irgendwann lernt das Kind hoffentlich, dass es Dinosaurier nicht mehr gibt, dass es Fragen gibt, die dank Störerhaftung nicht einfach beantwortet werden können. Ein Glück, dass einige Leute ihre ganz eigene Show abziehen. Und das nicht nur, weil dieser kleine Verlag in der norddeutsche Tiefebene meinen Lebensunterhalt [...] ach, lassen wir das mal wieder.

Vor dem Dino wars der Kroko. Aber wer erinnert sich schon noch an diese Figur.

Doch die CeBIT ist nicht alles. Am Ende der Woche startet der Grüne Polizeikongress. Womit wir wieder beim Dauerthema dieser kleinen Wochenschau sind, diesem dauernden Kampf gegen den zunehmenden Terror, der das öffentliche Leben lähmt. Gerade weil die Grünen eine Partei der Freiheit seien, brauche man mehr Polizisten und nicht mehr Technik, so die grüne Fraktionsvorsitzende Katrin Göring Eckhardt. Eine spannende Argumentation. Während die vieldiskutierte Vorratsdatenspeicherung in den Niederlanden und Bulgarien gekippt wurde, während aus Brüssel das Signal kommt, vorerst keinen neuen Anlauf zum Überwachungsstaat 4.0 zu starten, wollen sich die Grünen unvoreingenommen dem Thema widmen. Ein Vorschlag für ein klitzkleines Bisschen Speichern tauchte bereits in der tageszeitung auf, allerdings in Richtung SPD und dazu noch als einzig sinnvolle Lösung angepriesen:

"maximal zwei Wochen Vorratsdatenspeicherung bei IP-Adressen, null Vorratsdatenspeicherung bei Telefonkontakten. Damit sollten Bürgerrechtler und Polizei leben können."

Dann leben Sie mal schön in diese Woche rein. Möge Anatolius von Laodicea, der Schutzpatron vor Zahlendrehern, rechtzeitig zur Stelle sein, in den Weiten des Internet. (jk)