Was war. Was wird. In dem sich das veröffentlichte Leben von seiner zynischen Seite zeigt.
Wenn Ungewissheit nur durch immer noch peinlichere Fragen überdeckt werden soll, reicht Fremdschämen schon nicht mehr aus, befürchtet Hal Faber. So bleibt nur der Versuch, die Leere auszuhalten, auch wenn der Himmel über uns in Wirklichkeit nie leer ist.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war. >
*** Ja, so ist das im Leben. Manche wollen Astronauten werden (und landen bei Accenture), manche Piloten, und manche was ganz und gar Verrücktes wie Medienethiker (was ich bislang für ein besonders blödes Oxymoron hielt). So kommt es, dass nach dem von einem angeblich psychisch kranken Piloten herbeigeführten Absturz eines Linienfluges der Absturz der Medien begann, unter eifriger Begleitung durch "Experten" und "Nachbarn". Längst war da die medizinische Diagnose im Kasten, obwohl befragte Mediziner wieder und wieder vor voreiligen Schlüssen warnen. Doch egal, es war eine Depression und der Pilot ein Amokflieger, was zusammen auch das Zeug zu einem Oxymoron hat. Die Witwenschüttler unter meinen Kollegen werden sich bald wieder an nichts erinnern können oder treuherzig versichern, doch nur zu schütteln, weil es denn die Leserinnen und Leser so wollen. Das Ganze übrigens nicht auf die "privaten" Medien beschränkt, auch öffentlich-rechtliche zeigten sich von ihrer zynischen Seite, wie dieser kleine Twitter-Dialog beweist:
@hrinfo Nach #Germanwings-Absturz: Stimmung an deutscher Börse eingetrübt. #Lufthansa-Papiere verlieren mehr als 4 Prozent an Wert.
Leser: Nehmt mal einen Grundkurs in journalistischem Anstand. Bitte.
@hrinfo Können wir den bei Ihnen buchen?
*** Auch die newstips@heise.de bekamen nach dem Absturz von 4U9525 etliche Hinweise wie die nach den doch seltsamen Youtube-Vorlieben des Piloten oder die Geschichte zum Absturz von Egypt Air 990, weil da ein islamistischer Hintergrund auftauchte. So gesehen könnte man eigentlich froh sein, dass heise online ein technisch orientierter Nachrichtenticker ist, doch auch das ist zu kurz gegriffen im Getöse besinnungsloser Mitmedien, die anfangs über all die technischen Ursachen spekulierten, die es dann doch nicht waren – und die eine große Wochenzeitung zu einem ebenfalls unfassbar peinlichen Schnellschuss verleiteten. Und natürlich gibt es auch im Lichte der neuesten Erkenntnisse ernsthafte IT-Fragen wie die, dass eine pilotenlose Maschine, im Sinne der Asimovschen Gesetze programmiert, niemals in den Berg fliegen könnte, selbst wenn der ausdrückliche Befehl eines Menschen dies vorgeben würde. Aber dies lässt sich aus anderem Anlass und unter anderen Vorzeichen weit besser diskutieren als in diesen Tagen, daher schwieg der Newsticker hier trotz all der ernstgemeinten als auch der verschörungstheoretisch verschwurbelten Newstipps. Auf der nach oben offenen Skala idiotischer Vorschläge dürfte dagegen der Vorschlag des CDU-Politikers Jarzombek, Web-Cams in Flugzeugen zu installieren, ganz hoch oben stehen. Bodenkontrolle für das Cockpit, das bringt genau welche zusätzliche Sicherheit?
*** So schießen die Spekulationen ins Kraut, wobei die Frage bleibt, welches Kraut da eigentlich konsumiert wird, wenn es unter der Überschrift Furchtbares Geheimnis heißt: "Wäre die Gesundheitskarte in vollem Umfang eingeführt worden, so sagen ihre Befürworter, dann hätten die verschiedenen Ärzte, die Andreas Lubitz behandelten, voneinander gewusst, dann hätte der Fliegerarzt ihn womöglich nicht tauglich geschrieben." Wo genau wird auf der elektronischen Gesundheitskarte die Arztadresse gespeichert – oder sind es doch zentrale Patientenakten, die da herbeiphantasiert werden? Am Ende tötete dann auch noch der deutsche Datenschutz die Passagiere und Besatzungsmitglieder von 4U9525. Interessanterweise fehlen in dem Getöse Artikel, die in die Gegenrichtung blicken. Wie genau würde die fünfjährige Speicherung von Flugpassagierdaten bei innereuropäischen Flügen hier weiter helfen? Meldungen über den bundesweiten Protest gegen die neue Variante laufen unter Kiezleben. "Scannt mein Gepäck und nicht mein Leben" ist als offizieller Slogan freilich auch etwas neben der Spur.
*** Scannt unsere Kennzeichen! Die Ausländermaut ist am Freitag vom Bundestag beschlossen worden, der Bundesrat ist dabei angeblich außen vor, da es um Bundesstraßen und Autobahnen geht. In letzter Minute beschloss der Verkehrsausschuss am Mittwoch, dass "Synergieeffekte geschaffen" werden sollen. Doch wie die aussehen sollen, wird erst klar, wenn man den ursprünglichen Mautplan kennt: Die Planung, dass die Maut-Verbuchung bei deutschen Autofahrern künftig vom KFZ-Bundesamt durchgeführt wird, ist vom Tisch, eben wegen dieser Synergieeffekte. Auf deutsch Kosteneinsparungs-Knaller. Die Privatfirma, die von den Ausländern das Geld einkassieren soll, wird auch für deutsche Autofahrer zuständig sein, weil das einfach billiger ist, wegen dieser Synergieeffekte. Der Zuschlag erfolgt in freihändiger Vergabe durch den Verkehrsminister, weil bis zum avisierten Start der Maut im nächsten Jahr keine Ausschreibung zu bewältigen ist. Zwei Favoriten sind im Rennen, hier Toll Collect, dort AGES. Den Zuschlag erhält, wer das günstigste Angebot zum Scannen und Speichern der KFZ-Kennzeichen abgeben kann, komplett mit Ausleitfunktion der Vorratsdaten für Polizei und Zoll und einem Richtervorbehalt für die besorgten Datenschützer.
*** Natürlich kann die wichtigste Nachricht dieser Woche nur von einem Techniker kommen. Klaus Landefeld erklärte klipp und klar, dass der Bundesnachrichtendienst freie Hand bei der Internet-Überwachung hat, also keiner wie auch immer gearteten Kontrolle der Arbeit hinter seiner Cockpit-Tür unterliegt. Diese Diagnose kommt nicht überraschend, doch sie hat es in sich, wenn man die zweite Anhörung des NSA-Untersuchungsausschusses hinzufügt Man stelle sich vor: Da gibt es einen ehemaligen Vorsitzenden der parlamentarischen G10-Kontrollkommission, der von der Existenz einer Abhhöraktion erst aus der Presse erfahren konnte. Übersteigt das die Vorstellung von Kontrolle? Muss man nicht eher von einer Unkontroll-Unkommission reden, die von einer von einer psychosomatischen Erkrankung des politischen Körpers kündet. Die Überwachung in Deutschland, schreibt der Historiker Josef Foschepoth, war niemals ein vorübergehendes Ereignis, "sondern ein anhaltender, immer schwieriger und komplexer werdender politischer Prozess", der die Entwicklung der Bundesrepublik nachhaltig geprägt habe und bis heute präge. Noch ist die letzte Steigerung nicht erreicht, die heimliche Überwachung der Kontrollkommission durch den BND oder den Verfassungschutz – oder ist sie nur noch nicht bekannt geworden? In den USA gab es ja im Vorfeld der Veröffentlichung des CIA-Folterberichtes den unschönen Vorfall, dass der CIA die Kommission überwachte. Die Konsequenzen sind bekannt und vom CIA-Chef Brennan in einer Direktive festgelegt: Keine Verurteilung der Täter, sondern die Einrichtung eines Directorate of Digital Innovation, damit der nächste Schnüffelangriff besser getarnt ist und möglichst nicht auffliegt.
*** Wo bleibt das Positive angesichts solcher Nachrichten? Es kann nur von dem größten lebenden Kolumnisten Deutschlands kommen, dem wir die die mautnahe Erkenntnis verdanken, dass eine Überraschung eine Art Hinterhalt ist, nur schlimmer. Vor 10 Jahren konnte das Geburtstagsständchen für Harry Rowohlt punktgenau landen, heute ist es leicht verspätet. Was auch nichts macht, wenn die richtigen Freunde lange vorab gratulieren oder nur ganz kurz vorher. "Zum Licht empor mit klarem Blick, ein Vorwärts stets, nie ein Zurück, dann hat das Leben Zweck und Ziel. Wer Großes will, erreicht auch viel." Harry Rowohlt hat Großes erreicht. In diesem Sinne kann angesichts der bevorstehenden Umschaltung auf die Osterzeit und den herbeibrausenden Frühling nur ein Gesumm gebrummt werden, von Winnie der Pu:
Der Kuckuck gurrt auf keinen Fall,
Er kuckt und kuckt nur ĂĽberall,
Und Pu macht ›Pu!‹ mit lautem Knall
Wie ein Vogel am Himmel.
Was wird.
Zum Tag der Pressefreiheit gibt es im Vorfeld viele Veranstaltungen, angefangen mit der De-Fragmentierung bei der LiMA. Eine sticht mit ihrer Frage besonders hervor in diesen Absturz-Tagen, formuliert von Reporter ohne Grenzen: "Wieviel Medienschelte verträgt Pressefreiheit?" Ich kannte bislang den in der Juristerei gültigen Begriff der Richterschelte und Politikerschelte als abgewandelte, ironische Form. Doch nun geht es zur Sache, denn Medienschelte kommt nicht umsonst, sondern gleich mit dem drohenden Untergang der Medien, ehemals auch vierte Gewalt genannt. Sei's drum, denn nun geht es um mehr als um die "Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten".
"Irgendetwas läuft falsch in der Beziehung zwischen Journalisten und ihrem Publikum. Die Symptome sind unverkennbar: Grassierendes Misstrauen etwa in die Ukraine-Berichterstattung, Shitstorms in den Diskussionsforen von Qualitätsmedien, Manipulationsvorwürfe bis hin zur vergifteten Parole von der 'Lügenpresse'. Doch was sind die Ursachen für diese Phänomene? Wie lässt sich ihnen begegnen? Wann schlägt Kritik an medialer Deutungsmacht in eine Gefahr für die Pressefreiheit um?"
Fragen ĂĽber Fragen. Und der Himmel ĂĽber uns so leer. (jk)