Julian Assange hofft auf technologische Singularität

Im Rahmen einer Werbeveranstaltung für die Courage Foundation hat Wikileaks-Gründer Assange die technologische Singularität als Chance der Menschheit bezeichnet. Damit könne sie der allgegenwärtigen Überwachung entkommen.

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Julian Assange

(Bild: dpa, Tal Cohen)

Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Detlef Borchers

In einer Fragerunde auf Reddit haben Julian Assange, Renata Avila, Sarah Harrison und Andy Müller-Maguhn gegen die Massenüberwachung argumentiert. Mit dem Ask me Anything ("Frag mich alles") wollten sie auch um Spenden für die Courage Foundation werben. Diese Organisation unterstützt den im russischen Exil lebenden Edward Snowden sowie die inhaftierten Anonymous-Mitglieder Jeremy Hammond und Matt DeHart. Die meisten Fragen an das Quartett beschäftigten sich mit dem Problem, wie dem übermächtigen Überwachungsstaat beizukommen ist und den Aussagen von Snowden in einem unlängst ausgestrahlten TV-Interview.

NSA-Skandal
NSA

Die NSA, der britische GCHQ und andere westliche Geheimdienste greifen in großem Umfang internationale Kommunikation ab, spionieren Unternehmen sowie staatliche Stellen aus und verpflichten Dienstleister im Geheimen zur Kooperation. Einzelheiten dazu hat Edward Snowden enthüllt.

Julian Assange, der ganze Passagen aus dem Cyberpunks-Buch zitierte, lieferte beim "Ask me Anything" (Kurzfassung) pointierte Antworten. Er wurde gefragt, was er von der These des Netzaktivisten Dmytri Kleiner halte, derzufolge Hacker allein nicht die Überwachung bekämpfen können. Assange verteidigte in seiner Antwort kryptografische Lösungen, mit denen "wir uns ein paar Jahre kaufen können" und stellte dann fest:

"Der Sinn und Zweck der Massenüberwachung liegt darin, durch Massenwissen über die Bevölkerung die Kontrolle derselben zu behalten und dabei immer rechtzeitig geeignete Kontrollmaßnahmen zu finden und einsetzen zu können. Aber die Zeitfaktoren ändern sich schnell, weil die Bevölkerungen immer schneller kommunizieren. Vielleicht frisst die technologische Singularität die Massenüberwachung einmal dadurch auf, dass sie die Vorhersagezeiten begrenzt – hoffentlich nicht kurz bevor sie uns in Atome zerlegt."

Wiederholt wies Assange in der Fragerunde darauf hin, dass der Durchschnittsbürger wenig Chancen habe, der zunehmenden Überwachung zu entkommen, besonders dann, wenn er in den Ländern lebe, die die UKUSA-Vereinbarung unterzeichnet haben. Doch wer nicht das Zeug zum Aktivisten habe, könne immer noch für Wikileaks oder Krypto-Projekte spenden, wie sie von der Wau Holland Stiftung gefördert werden.

Andy Müller-Maguhn sekundierte mit Überlegungen, ob kapitalistische Systeme nicht zwangsweise dazu tendierten, Überwachungsgesellschaften zu bilden. Zwar sei nicht alles schlecht am Kapitalismus, aber die Tendenz zur Überwachung der Bürger sei bedenklich. Besonders die staatlichen Geheimdienste würden dabei laufend ihre Geheimarbeit mit der Möglichkeit verwechseln, ohne jede Kontrolle arbeiten zu können.

"Das gesamte Gerede von "Cyber-unterstützten-Aktivitäten" ist gefährlich nah an einer Grenze, an der die Freiheit der Informationen und der Kommunikation eingeschränkt werden. Ich glaube nicht, dass sich die Menschheit eine Einschränkung auf diesem Gebiet leisten kann."

Sarah Harrison wurde nach den Langzeitaffekten der Snowden-Enthüllungen gefragt und antwortete mit der Hoffnung, dass aufgeklärte Bürger sich widerständiger zeigen werden gegen die Bevormundung durch ihre Regierung. Für Snowden hoffe sie, dass es mehr Länder geben werde, die ihm Zuflucht gewähren. Renata Avrila klärte über die Situation in Lateinamerika auf. Dabei lobte sie Chile für sein Netzneutralitäts-Gesetz und Brasilien für das Internet-Gesetz. (mho)