Midem Hack Day: Vom Catcheruperer bis zur Festival Bag

Am Rande der Musikmesse Midem in Cannes fand am Wochenende der mittlerweile fĂĽnfte Midem Hack Day statt. Traditionell zaubern die Hacker dabei in nur 48 Stunden faszinierende Ideen rund um Musik(dienste) aus dem Hut.

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Midem Hack Day:

Musik-Hacker bei der Arbeit: Im Bild Hugh Rawlinson, Paul Lambert und Ben Fields (v. l. n. r)

(Bild: V. Desjardins / Image & Co.)

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Ladies and Gentlemen, fire up your laptops. Zum Auftakt der internationalen Musikmesse Midem in Cannes eröffnet Martyn Davies, Organisator des Midem Hack Day, am Freitagmittag den Hackathon. Wie jedes Jahr darf das Publikum Vorschläge machen, die von den 25 Entwicklern aufgegriffen werden können. Viele der Teilnehmer haben auch eigene Ideen im Kopf, die sie in den nächsten 48 Stunden umsetzen wollen. "Sie sind nicht hier, um Start-ups zu bauen. Sie sind hier, um kreativ zu sein, um der Musikindustrie zu demonstrieren, wie viel Innovation in kurzer Zeit entstehen kann", erklärt Davies. Es gehe nicht darum, Geld mit den Hacks zu verdienen.

Samstagmittag im fünften Stock des Palais des Festivals. Die Hälfte der Hacker ist beim Lunch. Die anderen erklären geduldig, woran sie gerade arbeiten. Elisabeth Anderson von der BBC programmiert mit Hilfe der Echonest-API ihren Hack Robot Drops, der einen beliebigen Song nicht nur in sinnvolle Teile aufbricht, sondern auch Rhythmus-Spuren in der passenden Geschwindigkeit generiert. Ein automatisches Remix-Werkzeug sozusagen. Neben ihr sitzt Sara Gozalo, hauptberuflich ebenfalls für die BBC tätig. Sie entwickelt eine Art "Instagram für Audio“: Audiogram. Eine Spielerei, um die eigene Stimme aufzunehmen und mit verschiedenen Filtern – Echos, Tonhöhe etc. – zu belegen. "Vielleicht wird das der neue Selfie“, sagt die Hackerin.

Am nächsten Tisch sitzen Alastair Porter aus Barcelona und Jens Nockert aus Schweden. Die beiden durchforsten das Archiv der US-amerikanischen Billboard-Charts und programmieren eine umfassende Charts-Datenbank. "Ich höre klassischen Rock aus den Achtzigern und Jazz. Ich habe keine Ahnung, was aktuell angesagt ist“, sagt Porter. Was macht ein Hacker in einem solchen Fall? Er entwickelt ein Programm, das ihm sämtliche Charthits eines bestimmten Zeitraums ausgeben und automatisch in eine Spotify-Playlist einfügen kann. Name des Programms: The Catcheruperer, eine fiktive Steigerung von "to catch up“, was "sich auf den neuesten Stand bringen“ bedeutet.

Inspiriert von Echo Nests Infinite Jukebox arbeitet Alexandre Passant an einem Programm, dass aus sämtlichen Spotify-Tracks eines Künstlers automatisch eine endlose Playlist generiert, die in Dauerschleife läuft. Varun Jewalikar kreiert eine Auto-Vervollständigung, die aus dem Wortschatz bekannter Musiker schöpft. Danny Kirschner entwickelt FanBox. Künstler könnten damit vor einem Gig mit ihren Fans in Kontakt treten, chatten, Songs und Bilder austauschen oder ihnen spezielle Gimmicks zukommen lassen, erklärt Kirschner.

Auch für Festival-Promoter sei die FanBox interessant. Sie können ihren Gästen beispielsweise aktuelle Informationen zu Setlists und Spielzeiten zuspielen. Hassy Veldstra ist der einzige Hacker, der bereits weiß, dass er seine Idee auf den Markt bringen wird. Der Hack trägt den Namen Tunecat, eine Art "Tinder für Musik“. Mit einem einfachen Wisch können Songs auf Spotify entweder in eine Playlist eingefügt oder für immer verbannt werden. Simone Lamberti hat einen Kaossilator von Korg dabei. Am Flughafen in Nizza sei er damit fast nicht durch den Zoll gekommen, sagt er lachend. Für Kaossify hat er das Stück Hardware mit der Funktion versehen, per Knopfdruck Spotify-Tracks laden und am Gerät bearbeiten zu können.

Dass so viele Hacker auf Spotify zugreifen liegt daran, dass der Streaming-Dienst seine Programmierschnittstelle zur Verfügung stellt – und den Wettbewerb sponsort. Paul Lamere, Chief Executive Hacker bei Spotify, nimmt ebenfalls am Midem Hack Day teil. Er entwickelt die "Drop Machine", die den sogenannten Drop in jedem Elektro-Track erkennt und automatisch an die entsprechende Stelle im Song springt. Von Stevie Grahams und Dan Palmers Projekt SpotiBYE dürfte Sponsor Spotify allerdings wenig erbaut sein: Es entfernt das DRM von Spotify-Songs und speichert sie als MP3.

Am letzten Tisch sitzen Ben Fields, Sam Phippen und Hugh Rawlinson, Sie arbeiten am Rmixr, der selbst Amateure in die Lage versetzen soll, einen Song sinnvoll in StĂĽcke zu schneiden und mit Filtern zu versehen. Die meisten Programme sind im Anfangsstadium. Endlose Reihen von Code. Schwer vorstellbar, wie daraus in den verbleibenden 24 Stunden etwas entstehen soll, das sich auch der Laie versteht. Eine Liste aller Projekte des Midem Hack Day findet sich im Midem-Blog.

Festival-Tasche: Becky Stewart gewinnt mit ihrer Festival Bag den Midem Hack Day

(Bild:  Gideon Gottfried)

Am Sonntag verlassen die Hacker ihre Insel im fünften Stock und präsentieren ihre Ideen. Insgesamt 16 Projekte werden vorgestellt, anschließend küren die Hacker unter sich einen Gewinner. Die Entscheidung fällt auf Becky Stewart. Sie hat eine interaktive Festival-Tasche entwickelt, die es dem Träger erlaubt, die wichtigsten Funktionen seines Smartphones zu aktivieren, ohne es immer herauskramen zu müssen. Was aussieht wie dekorative Stickereien sind die Sensoren.

Eine Berührung reicht aus, um alle möglichen Funktionen zu aktivieren: Ein Musikerkennung-Programm beispielsweise, um einen unbekannten Song aufzuzeichnen und später ausfindig zu machen. LEDs leuchten in verschiedenen Farben auf, etwa wenn es noch 15 Minuten bis zum Auftritt der Lieblings-Band sind oder eine SMS eingetroffen ist. (vza)