Die Zukunft der Produktion

Was die Klimakonferenz auf Bali mit einer kleinen Veranstaltung der Rapid-Manufacturing-Gemeinde in Frankfurt zu tun hat.

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Von
  • Niels Boeing

Während auf Bali gerade die aktuelle Megakonferenz zur Klimaschutzpolitik stattfindet, habe ich die im Vergleich dazu winzige uRapid 2008 der Fraunhofer-Allianz Rapid Prototyping in Frankfurt (Main) besucht. Beide Veranstaltungen haben, auch wenn dies nicht so offensichtlich ist, einen Berührungspunkt: die Zukunft der industriellen Produktion. Was in Frankfurt an möglichen Entwicklungen durchschimmerte, könnte ein Teil der Lösung des auf Bali verhandelten Problems sein.

Wie das?

In den vergangenen 20 Jahren ist aus Rapid Prototyping – im Wesentlichen das schichtweise Erstellen von Produktionsmodellen – ein Rapid Manufacturing (RM) geworden. Vom Entwurf des CAD-Modells am Rechner bis zum fertigen Gegenstand dauert es nur Tage bis wenige Wochen (darauf bezieht sich übrigens das „rapid“ – das schichtweise Aufwachsen eines einzelnen Teils ist mit einigen Kubikzentimeter pro Stunde alles andere als fix).

Dank Fortschritten bei Werkstoffen und in der Lasertechnik eignen sich die Teile, die heute von hochwertigen RM-Maschinen ausgespuckt werden, als Gussformen, als Bauteile und mitunter sogar als Endprodukte. Neben Kunststoffen lassen sich Stahl und andere Metalle damit verarbeiten – inzwischen auch das Leichtmetall Aluminium, was z.B. für die Autoindustrie interessant ist. RM-gefertigte Druckgussformen aus Kobalt-Chrom haben eine höhere Lebensdauer und halten über eine Million Produktionsdurchläufe von Plastikteilen aus. Mittels Laser lassen sich wiederum Oberflächen nachbearbeiten, etwa aufrauen, so dass sie wasserabweisend werden.

Bei allem Respekt vor der Arbeit der RM-Gemeinde wundere ich mich doch, dass bei einer Veranstaltung wie der uRapid das Big Picture zum Rapid Manufacturing fehlt. Die gesamte Technologie wird eigentlich nur als partielle Effizienzsteigerung fĂĽr die heutige industrielle Produktion betrachtet. In kaum einem Vortrag fehlte der Hinweis, RM spare Zeit und Geld. Dass die Massenproduktion die vorherrschende Produktionsform bleibt, wird stillschweigend vorausgesetzt.

Das Big Picture, das die Brücke zur Bali-Konferenz schlägt, ist für mich jedoch folgendes: Ein weiter entwickeltes und erschwinglicheres Rapid Manufacturing könnte eines Tages im Prinzip eine regionale, dezentrale Produktion befördern. Die könnte sparsamer mit Werkstoffen umgehen, weil beim RM ja nur das verbraucht wird, was der Laserstrahl oder die Druckdüsen zusammenfügen. Zwar gibt es bislang keine Ökobilanzen über RM-Prozesse, ob unterm Strich weniger Energie verbraucht wird. Wenn aber dadurch Warentransporte deutlich verringert werden, würde mindestens das zu einer Einsparung von CO2-Emissionen beitragen.

Zwei ganz andere Trends der Gegenwart unterstützen eine solche Entwicklung hin zu einer kleinteiligeren Produktion: die so genannte Mass Customization und das Outsourcing. Kunden, zumindest in den saturierten Industriegesellschaften, definieren sich mehr und mehr über individuelle Produkte. Wer es sich leisten kann, kauft eher keine Massenware. Und die Unternehmen sind seit längerem dabei, ihre Produktionsketten zu modularisieren. Würden diese Trends mit einer Öko-Effizienz-Perspektive gekoppelt, könnte Rapid Manufacturing vielleicht endlich aus seiner Nische des ewigen Talents heraustreten (der weltweite Jahresumsatz der Branche aus Geräten und Dienstleistungen liegt bei rund 1 Milliarde Euro).

Es gibt ein paar Vordenker, die im Rapid Manufacturing – oder umgangssprachlich: 3D-Druck – noch ganz andere Veränderungen heraufziehen sehen. Für Adrian Bowyer vom RepRap-Projekt an der Universität Bath in England werden billige RM-Maschinen – die am besten noch ihre eigenen Bauteile reproduzieren können – in Zukunft „ ein revolutionäres Eigentum an den Produktionsmitteln durch das Proletariat ermöglichen – ohne den chaotischen und gefährlichen Revolutionskram.“ Bowyer bezieht sich tatsächlich explizit auf Marx, der zumindest in der Frage der Produktionsmittel richtig gelegen habe. Auch Frithjof Bergmann, der seit den Achtzigern das Konzept der „Neuen Arbeit“ entwickelt, hält künftige RM-Maschinen für das Mittel zur Überwindung der Lohnarbeit. „Das Rückgrat dieser neuen Ökonomie besteht darin, dass wir unablässig und Schritt für Schritt zu einer Wirtschaftsform fortschreiten, in der wir unsere eigenen Produkte herstellen!“ schreibt er in seinem 2004 erschienenen Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“.

Manche halten solche Ăśberlegungen fĂĽr komplette Spinnerei. Ich glaube, es ist der interessanteste Ansatz, den wir fĂĽr eine nachhaltige Produktion der Zukunft haben. Wir brauchen einfach mehr "Spinner", die das Big Picture sehen. In Bali, in Frankfurt und anderswo. (wst)