Lob der Faulheit

Ich habe es schon immer gewusst: Weniger zu tun, kann mehr Lebensqualität bringen. Das gilt auch für den Einsatz von Technologie. Man muss sich nur trauen, faul zu sein, und so manche Aufgabe an passive Systeme zu delegieren.

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Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle über die ganz realen, irdischen Schwierigkeiten mit meinem virtuellen Umzug berichtet. Heute möchte ich stattdessen über die systemtheoretischen Konsequenzen aus meinem realen Wohnungswechsel berichten. Der Grund ist simpel: Ich bin aus einer Altbauwohnung in ein Passivhaus gezogen.

Eigentlich gibt es darüber nicht so wahnsinnig viel zu berichten - die Technik ist beeindruckend simpel: Gute Wärmedämmung und eine Wärmerückgewinnung in der Raumlüftung - das ist schon alles. Die Wärme wird von den Bewohnern selbst (rund 100 Watt pro Mensch), elektrischen Geräten und der täglichen Sonneneinstrahlung erzeugt. Und bis jetzt geht's uns ganz prima mit dem Öko-Selbstversuch: Draußen peitscht der Herbststurm den kalten Regen gegen die Scheiben, und drinnen ist es auch ohne Heizung behaglich warm. Schon wenn man das Treppenhaus betritt, beschlagen die Brillengläser.

Völlig passiv ist das System nicht: Die Belüftung der Räume wird von einer elektrischen Pumpe angetrieben. Im Flur hängt eine kleine Tafel, mit dem Steuer-Interface für diese Anlage, das das Herz jedes geplagten Cumputernutzers höher schlagen lässt: Simple Icons, wenige Knöpfe, ein intuitiv zu verstehendes Konzept. Man kann den Luftstrom entweder verstärken (dann wird es wärmer), abschwächen oder umdrehen (dann wird die im Haus produzierte Wärme nach draußen transportiert).

Ich habe ein wenig gegoogelt, um zu erfahren, was der Spaß denn kostet: Wenn die Kollegen von der Zeit richtig recherchiert haben (wovon ich jetzt einfach mal ausgehe), werden bei einer Altbau-Sanierung (wie in unserem Fall) zusätzlich 150 Euro pro Quadratmeter fällig. Das wären dann bei einer 120 Quadratmeter großen Wohnung schlappe 18.000 Euro - so viel geben manche Abiturienten für ihr erstes Auto aus. Dagegen steht, dass sich unser monatlicher Abschlag für die Stadtwerke um einen Faktor sechs reduziert hat (auch wenn ich noch nicht wirklich glauben kann - vielleicht wird es letztendlich ein Faktor Vier).

Die spannende Frage, die sich für mich da auftut ist: Warum gibt es nicht längst viel mehr Passiv-Häuser? Liegt das daran, dass Ingenieure und Naturwissenschaftler passiven Systemen zutiefst misstrauen? Für einen anständigen Techniker gilt schließlich immer noch die Devise: Nur wer aktiv regelt, hat die Dinge wirklich im Griff! Dabei offenbaren doch schon so alltäglich Dinge, wie eine Heizungsregelung, dass die Welt sich hartnäckig weigert, sich auf simple Regelkreise reduzieren zu lassen: Schon der Zusammenhang zwischen Vorlauftemperatur- und Raumtemperatur in mehreren Zimmern einer Wohnung ist hochgradig nichtlinear - die Einregelung der gewünschten Raumtemperatur ist in der Regel daher auch beim Einsatz modernster elektronischer Regler eher ein Versprechen, als eine konkrete technische Maßnahme. Bei der oben erwähnten Lüftungssteuerung gerät man hingegen gar nicht erst in die Versuchung, darauf zu vertrauen, dass irgendeine Technologie dafür sorgt, dass im Wohnzimmer 21 Grad Celsius sind. Es gibt nämlich keine Temperatur-Vorgabe, die man einstellen könnte. Trotzdem ist es möglich, sich schlicht und einfach behaglich zu fühlen. Ich habe es schon immer gewusst: Weniger zu tun, kann mehr Lebensqualität bringen. Das gilt auch für den Einsatz von Technologie. Man muss sich nur trauen, faul zu sein, und so manche Aufgabe an passive Systeme zu delegieren. (wst)