"Das Resultat von Gier und Spekulation"
Vor mehr als einem Jahr habe ich einen Artikel ĂĽber die Zukunft der Ă–l-Versorgung geschrieben, dessen Tenor war: Der Ă–lpreis wird langfristig wieder sinken.
Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich an einem Artikel über die Zukunft der Erdöl-Versorgung gearbeitet. Ich war mir ziemlich sicher, dabei gelernt zu haben, dass der Weltwirtschaft der begehrte Saft so schnell nicht ausgehen wird. Denn wenn die Untergangspropheten der so genannten Peak-Oil-Theorie Recht hätten, dann müsste der Ölpreis nur noch eine Richtung kennen: immer weiter nach oben. Was wiederum bedeutet, dass die Ölindustrie massiv Investitionen anziehen müsste. Warum ist das nicht der Fall? Weil in diesem Bereich sehr langfristig investiert werden muss: Das Öl aus einer Quelle darf nicht so teuer sein, dass man damit nicht auch noch in Zehn Jahren Gewinn machen könnte. Aus den Investitionen kann man also grob abschätzen, mit welchem zukünftigen Preis die Öl-Produzenten rechnen.
Nun scheint im Moment sehr viel gegen diese Idee zu sprechen: Die Internationale Energieagentur IEA sagt, dass es ab 2010 zu Engpässen in der Produktion kommen kann. Und der Ölpreis klettert in immer schwindelerregendere Höhen – vor kurzem hat er erstmals die 100-Dollar-Linie durchbrochen.
Habe ich also wirklich komplett falsch gelegen? Ich habe mir Rat bei einem Experten gesucht. Vaclav Smil ist Distinguished Professor der Universität von Manitoba (Kanada) und Mitglied der Royal Society of Canada. Seine Spezialgebiete sind Energie- und Nahrungsmittelwirtschaft sowie Demographie, insbesondere mit Blick auf China. In seinem Buch "Energy at the Crossroads" (MIT Press, überarbeitet und aktualisiert 2005) propagiert er einen möglichst breit angelegten Energiemix, ohne Festlegung auf bestimmte Energiequellen. In einem kurzen E-Mail-Interview erklärt Smil, wie er die Dinge sieht. Was mich ein wenig beruhigt hat. Aber Lesen Sie selbst:
TR: Es gibt Leute, die sagen, der aktuelle hohe Ölpreis sei ein sicheres Zeichen dafür, dass der Höhepunkt der globalen Erdölförderung überschritten sei. Stimmt das?
Vaclav Smil: Ăśberhaupt nicht. Die hohen Preise sind das Resultat von Gier und Spekulation. Lesen Sie , was ich auf meiner Website ĂĽber "Peak Oil geschrieben habe.
TR:Gibt es neben politischen GrĂĽnden auch noch andere GrĂĽnde fĂĽr das aktuelle Ă–lpreisnieveau?
Smil: Es handelt sich mehr um Spekulation als um Politk.
TR: Was schätzen Sie, wie hoch wird der Ölpreis noch steigen? 200 Dollar pro Barrel?
Smil: Inflationsbereinigt würde der Preis von 1981 heute etwa 95 bis 100 Dollar entsprechen. Formal erreichen wir also diesen Rekordstand. Aber wir müssen berücksichtigen, dass es heute rund 30 Prozent weniger Öl braucht, um Bruttosozialprodukt im Gegenwert von einem Dollar herzustellen als 1981. Wir bräuchten also mindestens einen Preis von 140 Dollar pro Barrel, um den Höchststand von 1981 zu bekommen. Ob der Ölpreis steigt oder fällt, wird in erster Linie von der Entwicklung der US-Volkswirtschaft abhängen – dem größten Öl-Importeur. Wenn es dort eine Rezession gibt, werden die Preise fallen.
TR: Wenn man davon ausgeht, dass der Ă–lpreis hoch bleibt, warum gibt es dann in diesem Sektor keine massiven Investitionen?
Smil: Gibt es doch. Aber es dauert rund drei bis fünf Jahre, bis die Wirkung zeigen. Und was fast noch wichtiger ist – es gibt massive Entwicklungen von neuen Gasvorkommen.
TR: Wie viele Ă–lreserven gibt es weltweit?
Smil: Genug, um das gegenwärtige Produktionsniveau noch 40 Jahre zu halten.
TR: Fast alle politischen Kräfte in den USA setzen auf den massiven Ausbau von Biosprit. Denken Sie, das wäre eine Alternative für die USA und andere hochindustrialisierte Länder?
Smil: Nein. Biotreibstoffe sind kriminell. Schauen Sie auf meine Website.
TR: China unternimmt massive Schritte, um die Kohleverflüssigung im großen Maßstab zu entwickeln. Denken Sie, das könnte den Ölpreis beeinflussen?
Smil: Nur sehr marginal.
TR: Derzeit ist viel von einer Renaissance der Atomkraft die Rede. Denken Sie, das wäre eine gangbare Alternative, um den wachsenden weltweiten Energiebedarf zu decken?
Smil: Nein, weil die Europäer davor eine irrationale Angst haben.
TR: Welche politischen MaĂźnahmen sollten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um die weltweite Energieversorgung sicher zu stellen?
Smil: Rationales Handeln. (wst)