Von China lernen, heißt siegen lernen!

So'n Mist! Jetzt muss ich mir doch ein neues Handy kaufen. Mit einem Nokia kann man sich ja diese Tage echt nicht mehr sehen lassen.

vorlesen Druckansicht 5 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.

So'n Mist! Jetzt muss ich mir doch ein neues Handy kaufen. Mit einem Nokia kann man sich ja diese Tage echt nicht mehr sehen lassen. Wo doch schon der Ex-Verteidigungsminister seines weggeschmissen hat – das verstößt bestimmt bald gegen nationale Sicherheitsinteressen, mit so einer finnischen Schachtel zu telefonieren. Jedenfalls so lange, bis der hessische Wahlkampf vorbei ist. Und das Teil einfach nicht aus der Tasche holen? Geht auch nicht, dann denken die Leute ja noch, ich wäre ein Schwerkrimineller, dem sie das Mobiltelefon gesperrt haben. Kein Scherz: Weil ich noch keine Wahlbenachrichtigung bekommen hatte, habe ich vor Kurzem beim Wahlamt angerufen. Und die erste Frage war: Sind Sie denn überhaupt wahlberechtigt? So viel zur Erosion der Unschuldsvermutung. Aber ich schweife ab.

Im Ernst: Die Frage, ob 20 Prozent Rendite möglicherweise unanständig sind, ist eine eher philosophische. Man kann aber dabei sehr schön lernen, dass die Spielregeln, nach denen die Verteilung zwischen Kuchen und Krümel ausgemacht wird, – bis auf kleine Modifikationen – immer noch dieselben sind wie vor 150 Jahren in Manchester. Da ändert auch die ganze schöne Theorie von der postindustriellen Wissensgesellschaft nichts dran. Gegenwehr gegen die knallharte Position der Nokia-Geschäftsführung wird sich also möglicherweise an ähnlich altmodischen Methoden wie Streiks oder Werksbesetzungen orientieren müssen (kleine kulturtheoretische Abschweifung: Ich habe dem Steampunk vor gar nicht so langer Zeit vorgeworfen, ein müder Abklatsch der frühen Horror-Literatur zu sein und nichts Neues hervorbringen zu können. Möglicherweise war das ein wenig vorschnell. Vielleicht sind die Steampunker hellsichtiger, als ich dachte. Möglicherweise rutschen wir ja grade in ein Neo-Viktorianisches Zeitalter rein).

Das bringt mich aber auf eine andere wichtige Frage: Warum zum Teufel werden eigentlich die Computerprozessoren immer noch in den USA – oder in anderen Hochlohnländern wie Deutschland gefertigt? Ich habe in den vergangenen Jahren bei diversen Interviews diversen Managern von diversen Hightech-Läden immer wieder die Frage gestellt: Welche Rolle spielen die Lohnkosten? Und immer wieder bin ich beschieden worden, dass die reinen Lohnkosten bei der Produktion nicht das Problem sind. Wenn ich mal davon ausgehe, dass mich meine Interviewpartner in der Regel nicht direkt belügen, macht das Muster also nur dann Sinn, wenn das Wissen, das für die Produktion von "Was-auch-immer" notwendig ist, nicht in die falschen Hände geraten soll. Weil die Innovationszyklen mittlerweile so kurz sind, wird jeder Wissensvorsprung zum möglicherweise entscheidenden Konkurrenzvorteil. Offenbar ist das auf dem Handy-Sektor jedoch nicht mehr so – zumindest auf dem Massenmarkt geht es offenbar nur noch darum, Standardgeräte zusammenzustöpseln. Nokia plant jedenfalls, aus dem Geschäft komplett auszusteigen, wie beispielsweise in der taz nachzulesen ist.

Vielleicht sollten wir uns also an den Chinesen ein Beispiel nehmen: Die zwingen ausländische Investoren dazu, sich mit inländischen Partnerfirmen zusammenzutun, wenn sie in China produzieren wollen. Ein Teil des strategisch wichtigen Know-hows kommt so ins Land – und bleibt in der Regel auch da. Und damit auch die Produktion. (Ich will hier jetzt keine Debatte über geistiges Eigentum aufmachen. Fest steht, dass die Methode funktioniert). Sicherlich sind die Wettbewerbsbedingungen verschieden, aber wenn es dem Land, dem Bund oder der EU bisher gelungen ist, Hightech-Produktionen mit Hilfe von Subventionen ins Land zu holen, dann ginge da vielleicht noch mehr. (wst)