Bruder, zur Sonne..

Falls der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer in Hessen der Umweltminister geben sollte, muss er sich an radikaler Rhetorik messen lassen. TR liefert schon heute einige Zitate zur Wiedervorlage.

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Falls der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer in Hessen der Umweltminister geben sollte, muss er sich an radikaler Rhetorik messen lassen. TR liefert schon heute einige Zitate zur Wiedervorlage. Denn wie schrieb doch Rudi Dutschke mal so treffend? "Das Sich-Verweigern in den eigenen Institutionsmilieus erfordert Guerilla-Mentalität, sollen nicht Integration und Zynismus die nächste Station sein".

Wie bitte? Das Zitat ist zu radikal? Hermann Scheer ist doch ein ganz normaler sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter? Was hat denn das mit "Guerilla-Mentalität" zu tun? Um das zu erklären, hilft es, ein wenig nachzulesen: "Der Leitbegriff der Energieautonomie bedeutet, dass ein selbst- statt fremdbestimmte Verfügbarkeit über Energie das Ziel sein muss - frei und unabhängig von äußeren Zwängen, Erpressungen und Interventionsmöglichkeiten nach eigenen Entscheidungskriterien. Die alles ist auf Dauer nur mit erneuerbaren Energien möglich. Die autonome Aneignung erneuerbarer Energien durch eine Vielzahl von Akteuren ist die einzig erfolgversprechende Methode, den Energiewechsel rechtzeitig und unumkehrbar gegen die Funktionslogik des überkommenen Energiesystems durchzusetzen", schreibt Scheer in seinem Buch "Energieautonomie.Oder nochmal ein bisschen weniger programmatisch in einem Interview, das Holger Fuss für die TR-Ausgabe 09/2005 geführt hat (mit der schönen Überschrift: »Wo ist eigentlich das Problem?«):

TR: Können wir mit der heutigen Technologie auch den Energiebedarf von industriellen Großanlagen auf erneuerbarem Wege decken?

Hermann Scheer: Selbstverständlich. Es gibt doch längst diese so genannten 100-Prozent-Szenarien. Wenn wir zum Beispiel den gesamten Strombedarf in Deutschland ausschließlich durch Photovoltaik produzieren wollten, bräuchten wir nach dem derzeitigen Stand der Technik 5000 Quadratkilometer Solarzellenfläche. Das ist weniger als zehn Prozent der in Deutschland überbauten Fläche. Wo ist eigentlich das Problem? Unsere Dachziegelindustrie stellt jedes Jahr Dachziegel für eine Gesamtfläche von 700 Quadratkilometern her. Wenn die also statt herkömmlichen Dachplatten solare Dachziegel produzieren, wäre diese Fläche in sieben Jahresproduktionen installiert. Wobei die Massenproduktion außerdem zu erheblichen Kostensenkungen führen dürfte. Aber es geht nicht nur um Photovoltaik, sondern um einem Mix aus erneuerbaren Energien, in Verbindung mit neuen dezentralen Speichertechnologien.

TR:Wie haben wir uns die Netzstruktur auf erneuerbarer Energiebasis vorzustellen?

Scheer: Die wesentliche Innovation ist die Dezentralität. Wir werden nicht mehr die Großkraftwerke haben, die meist mit Überkapazitäten gebaut werden, damit sich ihre Laufzeit von 40 Jahren auch rentiert. Statt eines 1000-Megawatt-Kraftwerks werden wir zum Beispiel 2000 Windkraftanlagen oder einige hunderttausend Solardächer haben. Also viele Module, viele Einspeisepunkte, die à la carte zugeschnitten sind. Ein Fehler, weil man zu wenig hat, ist schnell korrigiert. Wir können Fehlkapazitäten also wesentlich flexibler vermeiden. Und wenn mal was kaputt geht, fällt nicht gleich ein ganzes Kraftwerk aus. Dadurch sind die Verluste niedriger.

TR:Wenn das alles machbar ist, wie Sie sagen: Warum, um Himmels willen, stellen wir unsere Energieversorgung nicht endlich konsequent auf erneuerbare Ressourcen um?

Scheer: Ich saß mal mit einem langjährigen Vorstandsvorsitzenden eines Energiekonzerns in einer Fernsehsendung. Der rief irgendwann entgeistert aus: Es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein, was wir gemacht haben! Wir haben es hier mit Denkblockaden zu tun, die Nietzsche mal die Herrschaft des Tatsächlichen genannt hat. Das Tatsächliche sind heute Öl, Atom- und andere Großkraftwerke, also alles, was in den Energiestatistiken erscheint. Es gibt eine Art Mythos der fossilen Energiewirtschaft, mit dem uns eingeredet wird, es gebe keine Alternative. Praktisch ist der Mythos erfolgreich, denn die Leute glauben an diese Alternativlosigkeit. Deshalb setze ich darauf, dass die technologischen Entwicklungen diesen Mythos in den kommenden Jahren widerlegen werden und die Menschen eines Besseren belehren. Denn wenn die Überwindbarkeit der energetischen Weltkrise eines Tages als realisierbare Vision erkannt wird, dann gibt es kein Halten mehr, und die Menschen werden aktiv.

Dann lassen wir uns mal überraschen. Mal sehen, wie die Bilanz in einem Jahr so ausfällt. Und nicht vergessen Herr Scheer: "Mehrheitsmeinungen zum Maßstab der Problemanalyse und Strategiefindung zu machen, ist opportunistisches Rudelverhalten". (wst)