Kids besser offline?

Wer heute jung ist, kann sich stärker vernetzen, als jede Generation zuvor. An den Stress, den das mit sich bringt, denken die Diensteanbieter leider viel zu selten - und auch die Eltern nur am Rande.

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Ich muss zugeben, dass ich heute, im Web-Zeitalter, nicht Kind sein möchte. Natürlich ist es toll, dass jeder Teenager ein Handy hat, und fast jeder 8-Jährige mit seinem PC umgehen und Google bedienen kann. Es steht den Kids ein Wissen zur Verfügung, an das wir damals in den Achtzigern einfach nicht herangekommen wären, selbst nach Tagen in der Stadtbibliothek nicht. Mein Heimcomputer wurde anfangs mit Kassetten, später mit Disketten bespielt; meine ersten Ausflüge in die Welt der Mailboxen (Datenfernübertragung!) erhielt ich nur, weil ein Kumpel einen vertrauensvollen Vater mit Akustikkoppler (oder war es damals schon ein Modem? – ich weiß es nicht mehr) hatte.

Heute sind Flatrates selbstverständlich, und erstaunlich viele Eltern lassen ihren Nachwuchs am Rechner schalten und walten, wie man es ihnen früher nur vor dem Fernseher samt harmlosem ZDF-Nachmittagsprogramm erlaubte. Ich will hier nicht diese so genannten Rabenfamilien angreifen, eine solche erzieherische Vorgehensweise muss jeder Elternteil vor seinem Gewissen selbst verantworten. Worauf es mir aber ankommt, ist dies: Die vielfältige Vernetzung kann, wenn man noch jung ist, auch enormen Stress bedeuten, während Beziehungen trotzdem oberflächlich bleiben, im echten Leben sogar leiden.

Ein prima Beispiel sind die so genannten "Freundschaften" in sozialen Netzwerken, die längst als Statussymbol gelten. Wer nicht genügend davon "adden" kann, hat nicht selten schnell verloren. War es schon früher für Kinder, die ein bisschen anders waren als die anderen, in der Schule nicht leicht, werden diese Konflikte nun ins Schnell-Klickbare getragen. War Mobbing früher nur auf den Schulweg und höchsten noch auf den Bus ins Heimatdorf beschränkt, belastet es nun per Rechner ständig. Eigentlich kein Wunder, dass die Gefahr für Kids, Opfer eines Cyber-Kinderschänders zu werden, in den USA offenbar ungleich geringer ist, als von den eigenen "Freunden" virtuell massiv schikaniert zu werden, wie eine sehenswerte Dokumentation des amerikanischen Senders PBS kürzlich zeigte.

Problematisch ist dabei vor allem der Gruppendruck, der inzwischen entsteht. Kinder können sich dem Stress nicht mehr entziehen, Mitgliedschaften in Diensten wie MySpace oder dem in den letzten Monaten phänomenal gewachsenen SchülerVZ sind inzwischen Pflicht auf dem Schulhof. (Alles andere wäre dann "digitaler Selbstmord".) Dass der mächtige Rechner samt Internet dann nicht nur die Kräfte des Guten (Wissenserwerb, sinnvolle Freizeitbeschäftigung) stärkt, sondern auch die des Bösen (Kinder können enorm grausam sein), wird dabei zu selten einberechnet. Die Dienstebetreiber erweisen sich unterdessen als weitgehend überfordert, während das Thema öffentlich noch kaum debattiert wird – und wenn, dann typisch hysterisch.

Einen wirklichen Ausweg aus der Bredouille sehe ich eigentlich nicht – bis auf Aufklärung und jugendgerechte erzieherische Maßnahmen, wie sie einige engagierte wie lobenswerte Pädagogen inzwischen ausprobieren. Man kann den Kids weder den Rechner verbieten noch das Handy, all das gehört zur notwendigen Medienkompetenz. Zudem kann das Internet auch wichtige Flucht-Räume bieten, die es so früher nie gab. Wahrscheinlich ist das alles nur dann in den Griff zu bekommen, wenn sich Eltern für ihre Kinder einfach noch mehr Zeit nehmen. Vielleicht einfach vernetzt? (wst)