Alles ist Software

Früher war Unterhaltungselektronik wie in Stein gemeißelt: Einmal ausgeliefert, konnte der Nutzer nichts mehr am Funktionsumfang ändern. Heute reift Hardware hingegen mittels Updates beim Kunden. Ob das wirklich besser ist?

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Neulich bat mich ein Freund, mir doch einmal seinen niegelnagelneuen High-End-Flachbildfernseher anzusehen, der mache Probleme. "Du kennst Dich doch mit diesem elektronischen Quatsch aus", sagte er, als er mich in seine Wohnung bat. Bevor er das Riesending jetzt zu Mediamarkt fahre, um sich mit dem dortigen Servicetechniker herumzuärgern, wolle er doch besser sichergehen, dass das Problem nicht an "einem Bedienfehler" läge, ergänzte er mit leicht zynischem Tonfall. Selbiges habe ihm die Hotline des Herstellers nahegelegt. "Okay", sagte ich zähneknirschend, "zeig mir die Kiste mal". (Dabei wollte ich doch eigentlich nur auf ein gemütliches Bierchen vorbeischauen!)

Bei dem Problem handelte es sich, so stellte sich bald heraus, mehr um eine Seltsamkeit denn um einen ärgerlichen Fehler: Das Gerät brauchte, wenn man es ausschaltete, bis zu 15 Sekunden, bis es sich endlich vollkommen vom Netz getrennt hatte. Parallel zum endlosen Ausschaltvorgang leuchteten zwei LEDs gleichzeitig auf, die im Normalbetrieb sonst nie brannten, wie mein Freund anmerkte. "Ist da vielleicht die Stromversorgung kaputt?", fragte er mich mit ratlosem Gesicht. Auch ich dachte erst an ein technisches Problem und erinnerte mich an Generationen alter Fernseher mit Schaltfehlern, die im Elektronikladen meines Opas herumgestanden hatten. Trotzdem klang mir der Satz mit dem "Bedienfehler" noch im Ohr, sodass ich mich sogleich ins Handbuch vertiefte.

Das Ergebnis: Die Hotline des Herstellers hatte tatsächlich Recht, wenn sie meinem Kumpel auch nicht hatte wirklich weiterhelfen können. Der Grund, warum sich das Gerät nicht sofort abschaltete war nämlich, dass es bei jedem Abschaltvorgang automatisch über eine digitale Frequenz nach Software-Updates suchte. Da diese Aktualisierungen aber wahrscheinlich nur in Japan im Kabelnetz sind (so zumindest meine Vermutung), suchte sich das Gerät eben tot, was den Abschaltvorgang verzögerte. Also wechselte ich in eines der vielen Untermenüs des Fernsehers und schaltete die standardmäßig eingeschaltete Automatik-Aktualsierung aus. Und siehe da: Seither schaltete der Flachschirm sich brav sofort ab, ohne ins Stottern zu kommen.

Mir machte dieser Vorfall einmal mehr eine wichtige Tatsache im Zusammenhang mit heutigen elektronischen Geräten klar: Alles ist Software. Und die Hersteller von Hardware, sei es nun ein Fernseher oder ein PC, lassen ihre Komponenten gerne beim Kunden reifen. Mit Hilfe eines Updates, so meinen sie, können sie ja im Zweifelsfall fehlende Funktionen oder Fehler ausbügeln.

Ist einfach zu schön für die Hersteller. Sie können sich dank immer schnellerer Marktzyklen Schlampereien besser leisten, weil sie sich nachträglich über das Internet abschalten lassen – und der Kunde bekommt, so wird es ihm jedenfalls versprochen, neue Funktionalitäten, für die er nichts bezahlen muss.

Es fragt sich allerdings, ob diese "Beta"-Denkweise wirklich das geeignete Vorgehen ist. Es gibt ja Geräte, da will man das nicht. Wer will schon Beta-Waschmaschinen mit eingebautem Leckage-Bug oder eine Zündeinspritzsoftware, deren schlechter Code den Motor lahmlegt? Irgendwann darf Software nicht mehr weich sein. (wst)