Bieg! Links! Ab!

Moderne Technik ist, akustisch betrachtet, meist ein Schritt in die falsche Richtung. Dabei ließen sich viele Geräte klanglich wunderbar aufmotzen – es müssen ja nicht immer Klingeltöne sein.

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Maschinen mĂĽssen menschlicher werden, damit wir mit ihnen auskommen, lautet das Fazit der letzten TR-Titelgeschichte. Einer, der das schon zu Zeiten von Windows 3.11 erkannt hat, ist mein frĂĽherer Mitbewohner Sebastian. Nach dem Hochfahren begrĂĽĂźte sein Rechner ihn nicht dem ĂĽblichen TĂĽdeldĂĽ, sondern keifte ihn an: "Du benutzt mich doch eh nur!"

Menscheln tut es seit einigen Jahren auch beim Navigationssystem "Traffic Pro" des Herstellers Becker. Dort kann man sich von "Xaver" in gepflegtem Bayerisch sagen lassen, wo der Bartl den Most holt: "Links ob! Hoast mi?" Es ist erstaunlich, dass sich daraus trotz des grassierenden Klingelton-Wahnsinns noch kein Geschäft entwickelt hat. Dabei wäre eine herunterladbare Copilotin für Leute, die es barsch brauchen, eine echte Bereicherung für das nächtliche Werbeprogramm einiger Spartensender: "Bieg! Links! Ab!"

Wohin das konsequent zu Ende gedacht fĂĽhrt, hat mal wieder der Comiczeichner Jamiri auf den Punkt gebracht. Welcome to machine.

Ist es wirklich das, was wir wollen? Oft würde es doch schon reichen, Maschinen cooler statt menschlicher zu machen. Denn gerade der Digitaltechnik gebricht es oft an klanglicher Sinnlichkeit. Zwar bietet mir meine Digicam schon jetzt verschiedene Auslösegeräusche an, doch beide klingen künstlich. Wann endlich kann ich sie mit dem satten Klack einer Nikon F2 akustisch aufbrezeln? Oder mit dem dezenten Klick einer Leica M5? Besser dran sind da schon die Computerbenutzer – sie können sich immerhin klassischen Schreibmaschinensound herunterladen. Endlich einmal wie Hemingway auf einer Remington herumhacken und trotzdem nicht nach jedem vergurkten Einstieg ein neues Blatt einspannen müssen!

Schon lange dringend benötigt wurde auch der "Virtual Motor" der Firma In Pro, auch wenn er von einem Autoblog als "worst accessory ever" verunglimpft wurde. Das Gerät wird statt des Autoradios in den Einbauschacht geschoben, mit dem Drehzahlmesser verbunden und macht fortan auf dicken Hubraum. Über die Lautsprecher wird passend zur Drehzahl wahlweise der Sound eines Italo-V8, eines 6-Zylinder-Boxers, eines Rallye-Motors oder einer Formel-1-Maschine eingespielt. Damit dürfte ein wesentliches Argument gegen das Downsizing von Motoren wegfallen. Was mir jetzt noch fehlen würde, wäre eine angemessene Auswahl an Soundfiles statt zufallender Türen und mechanischer Blinkerrelais. (wst)