DĂĽsseldorfer Gambit
Ausgerechnet der Konzern, der wegen seiner gnadenlosen Preisgestaltung ein kleines Imageproblem beim Endverbraucher hat, will nun auf dem deutschen Strommarkt fĂĽr mehr Wettbewerb sorgen.
Da haben wir nicht schlecht gestaunt: Ausgerechnet der E.On-Konzern hat am vergangenen Donnerstag der EU- Kommission "strukturelle Maßnahmen für mehr Wettbewerb im deutschen Strommarkt" vorgeschlagen. Der selbe Konzern, der Umweltschützern als die Inkarnation einer gnadenlose Kohle- und Atomstrom-Politik gilt und wegen seiner nicht minder gnadenlosen Preispolitik ein – na sagen wir mal vorsichtig – kleines Imageproblem beim Endverbraucher hat, will nun auf dem deutschen Strommarkt für mehr Wettbewerb sorgen. Und zwar ganz handfest: In dem man die eigenen Übertragungsnetze verkaufen will, an einen Interessenten, der selbst nicht im Bereich der Stromerzeugung- oder -versorgung tätig ist (z. B. Gazprom? Vergessen Sie's, das war ein Scherz…). Zudem will der Konzern 4800 MW Kraftwerksleistung an Konkurrenten verkaufen – also freiwillig schrumpfen.
Natürlich fällt die Idee nicht vom Himmel: Die EU-Kommission hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, laut dem alle Energie-Konzerne mit eigenen Übertragungsnetzen ihre Netze verkaufen oder deren Betrieb "einer unabhängigen Gesellschaft übergeben" müssten. Der Entwurf ist umstritten, könnte aber – wenn auch in verwässerter Form – verabschiedet werden. Außerdem ist absehbar, dass der Markt eher wächst, als schrumpft: Hier in Deutschland Deutschland soll der Energieverbrauch bis 2020 um 20 Prozent unterhalb des Verbrauchs von 1990 liegen. Das muss man kompensieren – am besten indem man sich neue Märkte sichert.
Der dritte Grund aber könnte ein politischer sein: Auch der neue Netzbetreiber wird reguliert werden müssen, denn wer ein Netz besitzt, hat eine Art natürliches Monopol. Aber Regulierung ist kein einfaches Geschäft – wie man beispielsweise an den katastrophalen Folgen der Trennung von Bahnschienen und Netzbetreibern in Großbritannien ansehen kann. Bevor wir also gezwungen werden, das Netz für schlechtes Geld zu verkaufen, mag man sich in Düsseldorf gedacht haben, machen wir das Geschäft doch lieber jetzt zu einem guten Preis. Und dann lehnen wir uns zurück, und sehen zu, wie die Brüssler Bürokratie den Laden vor die Wand fährt. Mal sehen, wie die politische Diskussion dann verläuft. Ich würde keine Wette darauf abgeben, dass das ein dummer Schachzug war. (wst)