Identitätskrise 2.0
Aktuelle Web-Dienste laufen bei weitem nicht immer fehlerfrei – man muss dem allgemeinen Trend zum Beta-Status ja schließlich gerecht werden. Bei der populären "Microblogging"-Plattform Twitter gab es letzte Woche einen besonders hübschen Bug.
Man kann sich ja durchaus darüber streiten, ob der Kommunikationsdienst Twitter sinnvoll ist – schließlich lädt der "Microblogging"-Dienst unter dem Motto "What are you doing?" ("Was machst Du gerade?") zur grenzenlosen Selbstbespiegelung ein, die womöglich nur allerengste Freunde interessiert. Trotzdem "twittern" inzwischen Hunderttausende, halten über die Plattform Kontakt, verteilen erstaunlich flott mehr oder weniger wichtige Informationen oder einfach nur amüsante Links und bilden Grüppchen, die man durchaus als ein Herumsitzen um das Online-Lagerfeuer interpretieren könnte: Der Dienst wärmt seine Nutzer, wenn auch wie üblich nur rein virtuell.
Umso nerviger ist es, dass die Plattform regelmäßig mit größeren Ausfällen zu kämpfen hat. Dabei leitet sie doch eigentlich nur kurze Textbotschaften hin und her, was aber aufgrund der unterschiedlichen Plattformen vom Browser über den IM-Client, das Handy oder die API-gestützte Drittanwendung offensichtlich recht kompliziert zu sein scheint. Das führt dann beispielsweise dazu, dass der (im Web-2.0-Zeitalter natürlich völlig kostenlose) Dienst stunden- und manchmal gar tageweise nicht erreichbar ist, einzelne Nachrichten verschluckt werden oder man gänzlich ohne Nutzerbildchen auskommen muss, weil der wichtigste Hostingpartner gerade aus unerfindlichen Gründen über den Jordan gegangen ist.
Den bislang unterhaltsamsten Twitter-Bug gab es jedoch Mitte vergangener Woche zu sehen. Was laut dem Betreiber als "Test eines neuen Application-Servers" geplant war, wurde zur Identitätskrise 2.0: Das Silicon-Valley-Gerüchte-Weblog Valleywag umschrieb den Vorfall mit der süffisanten Überschrift: "Heute war Twittere-als-jemand-anderes-Tag, nur niemand hat mir davon erzählt." Konkret: Es bedurfte nur eines Reloads oder dem Anklicken irgendeines Links auf der persönlichen Eingabeseite, um plötzlich im Account einer anderen Person zu landen. Was folgte, war eine babylonische Verwirrung – User Adam schickte seine "Was machst Du gerade"-Botschaften dann beispielsweise plötzlich zunächst als User Mike, dann als Userin Lilly und schließlich als Twitter-Neuigkeitendienst des Musiksenders MTV. (Ein lustiges Video ist hier zu sehen.) Während das bekannte Boing-Boing-Blog zunächst von einem interessanten Hack ausging, stellte sich schließlich heraus, dass die jüngste Bastelei der Twitter-Techniker (es muss irgendetwas mit dem Caching zu tun gehabt haben) verantwortlich für den Vorfall war.
Es ist unbekannt, ob die Twitter-Identitätskrise ernste Folgen für einzelne Benutzer hatte – der Dienst ist in Sachen Unzuverlässigkeit derzeit noch so berüchtigt, dass kein Online-Profi ihn wirklich für kritische Anwendungen nutzen mag (und falls doch, wird er enttäuscht). Trotzdem kehrt die Nutzerschar immer brav zurück (samt ihrer heimischen Flora), schließlich macht die Twitterei, wenn sie funktioniert, durchaus vielen Freude. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, was passieren würde, wenn ein ähnlich gearteter Bug bei "mission critical"-Websites aufgetreten wäre, bei denen es um Geldtransfers oder Einkäufe geht. Dann hätte man bei Amazon womöglich als US-Liberaler die neueste Schmähschrift von Ann Coulter gekauft, statt die Limited Edition von "An Inconvenient Truth". Nur so als Beispiel. Mit der zunehmenden Verlagerung des persönlichen Lebens ins Netz kommt eben auch eine ganz neue Verantwortung auf die Technik-Profis zu, die das alles möglich machen. (wst)