Schraubenphilosophie
Apples in Sachen Design viel gelobtes MacBook Air stößt im Heimatland der elektronischen Effizienz auf wenig ingenieurstechnische Gegenliebe: Japanische Kritiker halten die Konstruktion des Gerätes für zu komplex.
Von außen sieht Apples brandneues MacBook Air, das inzwischen auch vereinzelt im deutschen Handel anzutreffen sein soll, leidlich simpel aus: Zwar alles sehr dünn angelegt, doch die Zahl der Baugruppen und Gehäuseteile hält sich auf den ersten Blick in Grenzen. Alles wirkt wie aus einem Guss – nichts wackelt, alles sitzt.
Zusammen mit dem geringen Gewicht ergibt sich so für den Benutzer das Gefühl, es hier mit einem robusten Stück Aluminium-Computertechnik zu tun zu haben, das auch mal den etwas härteren Unterwegseinsatz aushält. (Zum Falltest sollte man sich zumindest bei der günstigen Version mit eingebauter Mini-Festplatte im iPod-Format statt Solid State-Laufwerk allerdings nicht entscheiden – der Mechanik zuliebe. Sicher ist sicher.)
Intern, so scheint es allerdings, hat die designtechnische Zen-Schlichtheit ihr Ende. Wie Experten der japanischen Zeitung "Nikkei" in einem mehrteiligen Härtetest des Kultlaptops feststellen mussten, kostet die Dünnheit und der elegante Look des Air in der Produktion allerlei Nerven. Allein 30 verschiedene Schrauben hielten die Tastatur im und am Gehäuse fest, meldet das "Nikkei Electronics Teardown Squad" und rümpft die Nase: "Können wir sagen, dass das MacBook Air eine perfekte, ausgeklügelte äußere Erscheinung hat, dafür aber intern voller Verschwendung ist?" Das sei doch schon allein in der Produktion enorm anspruchsvoll: "Japanische PC-Hersteller bekämen von ihren Fabriken sicher etwas zu hören."
Menschen, denen der aktuell mal wieder unermessliche Hype um Apple-Produkte sowieso auf den Wecker geht, werden nun freudig grinsen und sagen: "Ja ja, typisch: Außen hui, innen pfui." Doch genau das stimmt eben nicht: Trotz all der Schrauben, die wohl auch dafür sorgen, dass die kleine Maschine derart robust ist, ist das Platinendesign und die Integration von (sehr flachem) Akku und (Festplatten- oder Solid State-)Laufwerk durchaus durchdacht. Apple schnappte sich außerdem als erster eine besonders stromsparende Mini-Variante eines leistungsfähigen Intel-Chips. Und wer schon einmal versucht hat, an anderen Mac-Rechnern wie z. B. dem alten PowerBook oder einem MacBook Pro eine Festplatte zu wechseln, den kann ein solcher Schraubenhaufen nicht schocken. Man muss die Teile eben einfach nur in der richtigen Reihenfolge sortieren ...
Zum Thema Schrauben und Apple darf auch dies nicht fehlen. So gibt es am MacBook-Laptop eine Merkwürdigkeit an der rechten Seite: Es knarzt gerne mal, wenn man an das Plastik fasst. Das Komische daran: Eigentlich gibt es hier eine Schraube, die, wie auf der linken Seite, alles bombenfest halten soll. Laut der Apple-Website Macenstein verhält es sich nun aber so, dass die Schraube offenbar reine Zierde ist, um den einheitlichen Look nicht zu gefährden – doch intern gibt es einfach nichts, wo das Ding befestigt sein könnte. Wenn man das so hört, kann man sich schon vorstellen, dass Apple einen mönchsartigen Designprozess hat: Eine Schraube einzubauen, die nichts hält, außer das Gefühl für Symmetrie, ist fast so, wie mit einer Hand zu klatschen. (wst)