Finaler Download
Marvin Minsky, der große, alte Mann der klassischen KI, erzählt, er habe überhaupt nichts gegen die Idee, seinen Geist in eine Maschine herunterzuladen. Gehen wir für einen Moment mal davon aus, dass würde tatsächlich heute schon funktionieren.
In seinem Nachruf zitiert Detlef Borchers den vergangene Woche verstorbenen Joseph Weizenbaum mit einer meiner Meinung nach bemerkenswerten Idee: "Unser Tod ist der letzte Service, den wir der Welt leisten können: würden wir nicht aus dem Weg gehen, würden die uns folgenden Generationen die menschliche Kultur nicht wieder frisch erstellen müssen. Sie würde starr, unveränderlich werden, also sterben. Und mit dem Tod der Kultur würde alles Menschliche auch untergehen."
Während Marvin Minsky, der große, alte Mann der klassischen KI, noch immer mit fröhlichem Grinsen erzählt, er habe überhaupt nichts gegen die Idee, seinen Geist in eine Maschine herunterzuladen, und dann – sagenwirmal – noch weitere 5000 Jahre zu leben. Ewigkeit klingt ja doch nach ein bisschen viel, aber die menschliche Lebensspanne würde ja nicht ausreichen, um alle interessanten Fragen zu bearbeiten. Und schließlich ist "Bewusstsein nichts weiter als eine Art Kurzzeit-Speicher, der ein bisschen davon beschreibt, was man gerade gedacht hat".
Gehen wir für einen Moment mal davon aus, dass würde tatsächlich heute schon funktionieren: Der Download des Bewussteins auf die Platte. Dann könnte man vielleicht sagen, Weizenbaums Tod sei das finale Ausrufungszeichen seiner Kritik an der Logik des technischen machbaren. Da ist dann aber "ganz großes Kino", wie die jungen Menschen heutzutage sagen würden: Während die humanistisch orientierten kritischen Intellektuellen bescheiden Platz machen, bleibt uns der – Rest – erhalten.
Bevorzugt die, die schon im ersten Leben davon überzeugt waren, irgendwie wichtig zu sein. Denn das ganze funktioniert natürlich nur dann, wenn es genügend materielle Möglichkeiten gibt: Sprich Speicherplatz, Energie und Rechenzeit: Greg Egan hat die Vision in Permutation City konkreter durchgespielt: Um die Simulation des Bewusstseins in Echtzeit aufrecht zu erhalten, braucht man sehr viel teure Rechenzeit. Wer die nicht bezahlen kann, muss sich damit zufrieden geben, nur alle paar Sekunden eine Zeitscheibe für die Simulation zu bekommen – das macht subjektiv nichts aus, aber die relative Verschiebung zur Außenwelt wird immer größer. Wenn ich's Recht bedenke, ist die Idee vielleicht doch nicht so schlecht. (wst)