Leben von oben
Das kanadische Städtchen Nanaimo auf Vancouver Island hat gerade einmal 80.000 Einwohner – dafür aber die wohl größte Google-Earth-Datendichte der Welt. Die Planer füttern immer mehr Informationen in das Online-Abbild ihrer Region.
Google Earth ist eine feine Sache – es gibt kaum einen Nutzer, der den kostenlosen Satelliten-Dienst nicht schon verwendet hätte, um sich sein Haus oder seine Region aus der Vogelperspektive zu betrachten. Doch die Menge an Zusatzdaten, die aus dem Angebot der großen Suchmaschine eine äußerst nützliche Einwohnerplattform macht, variiert stark. Natürlich wird viel freiwillig verlinkt (etwa auf Wikipedia), markiert ("Hier gibt's die besten Würste") und mit 3D-Objekten (in sehr unterschiedlicher Qualität) versehen. Doch der Traum einer universellen Abbildung der Umwelt im 3D-Netz ist noch nicht verwirklicht.
Eine kleine kanadische Stadt im Westen des Landes kommt dieser Vorstellung jedoch recht nahe. Sie hört auf den Namen Nanaimo, befindet sich im Bundesstaat British Columbia auf der Insel Vancouver und hat gerade einmal 80.000 Einwohner. Sie ist gut gelegen und zieht viele Touristen an, die sich einmal im Jahr ein etwas verrücktes Badewannenrennen in der Bucht vor der Stadt ansehen oder auf Kneipentour gehen wollen. Die Planung davor könnte einfacher nicht sein. Die Stadtväter haben diverse KML-Dateien vorbereitet, mit denen man sich ein virtuelles Nanaimo in Google Earth ziehen kann. "Nahezu alles, was man sich vorstellen kann, hat die Stadtregierung integriert", meinte Michael Jones, verantwortlicher Technikchef für Google Earth gegenüber der Lokalpresse. Man habe das von anderen Städten in der Welt bereits gesehen, doch "nirgendwo erfolgt das in einem solchen Maße und mit einer solchen Begeisterung wie in Nanaimo".
Mit diesem Eifer hat das Städtchen inzwischen sogar San Francisco, das Tor zum Silicon Valley, überholt. Mehr als zwei Jahre lang haben Techniker und Planer Daten eingegeben, Luftbilder integriert und an eigenen Skripten gefeilt. Ziel des Projektes ist auch, mehr Touristen und Investoren in die Region zu locken. Man sei "sehr stolz" über das Erreichte, heißt es in der Verwaltung. Die Idee sei von der Anregung eines einzelnen Programmierers explodiert, der anfangs kostenlos Überstunden für das Projekt schob.
Das Ergebnis ist beeindruckend: Egal ob man nun wissen will, wo die Feuerwehr unterwegs war oder in welcher Gegend man leben möchte (3D-Bilder erleichtern die Hauswahl) – alles drin. Für jedes einzelne Grundstück der Stadt kann man die Historie abfragen – inklusive Baurechtsnummer. Die Stadtverwaltung erwägt inzwischen gar, die Rasenpflegefahrzeuge mit GPS-Empfängern auszustatten, um dann über die ebenfalls zahlreich installierten WLAN-Zugangspunkte aktuelle Positionsdaten zu übermitteln. Der 150 Jahre alte Innenstadtkern ist komplett abgebildet und in 360-Grad-Panoramen einsehbar.
Die Vorreiterrolle als "Google-Earth-Hauptstadt der Welt" soll Nanaimo Vorteile verschaffen, wenn es darum geht, Touristen zur Winterolympiade 2010 in die einst von der Kohleförderung geprägte Region zu ziehen. Vancouver, die Großstadt in der Nähe, die den Spielen ihren Namen gibt, soll sich bereits erste Google-Earth-Tricks bei Nanaimo abgeschaut haben.
Die Bürger reagieren recht unterschiedlich auf dieses Leben unter dem 3D-Mikroskop. Die einen finden es toll, derart einfach an Informationen zu kommen, für die man vorher ins Rathaus laufen musste. Die anderen fürchten wiederum um ihre Privatsphäre. Da haben sie nicht ganz Unrecht: Kombiniert man Google Earth mit der nordamerikanischen Datensammelwut, dank der man sich mit ein paar Mausklicks über die finanzielle Situation seines Nachbarn informieren kann, kommen durchaus Orwellsche Visionen hoch. Nur ist diesmal eben nicht der viel gescholtene "Big Brother Google" selbst schuld, sondern höchstens indirekt: Die bereitgestellte, an sich ja durchaus faszinierende Technik verlockt die Stadtväter dazu, freiwillig derart viele Daten online zu stellen. Ohne Opt-out sollte da eigentlich nichts gehen. Die Verwalter von Nanaimo haben aber ausgerechnet diese berechtigte Verweigerungshaltung nicht auf der Agenda. Dabei sollten es die Bürger bei Google Earth machen können wie US-Vizepräsident Dick Cheney: Der hat sein Anwesen einfach von der Satellitenkarte tilgen lassen. (wst)