Abgeschraubt
Wer sagt denn, dass Inkompatibilität nur was für Computerschrauber ist? Wasserhähne zu wechseln, kann auch sehr lustig sein.
Die Welt ist schlecht. Bekomme ich immer wieder bestätigt. Neulich erst, da hatten wir, trotz winterlicher Temperaturen, nach langer Zeit mal wieder unseren Kleingarten besucht. Unter dem Zwetschgenbaum, wo wir an lauschigen Sommertagen das Wasser für den Sprinkler ziehen, grinste uns ein leeres Gewinde an. Da, wo der Wasserhahn sitzen sollte. Besser gesagt: Die Wasserhähne, denn es waren zwei, die über eine Art Y-Stück mit dem Wasserrohr verbunden waren. Der Garten ist, das muss man dazu wissen, in der Regel nicht abgeschlossen. Und selbst wenn man das ignoriert, weil man es einfach überhaupt nicht erwartet, kann man ganz locker über die Pforte steigen, weil die mittleren Latten abgebrochen sind. Aber ich schweife ab.
Warum das an dieser Stelle relevant sein könnte? Bei der Beschäftigung mit einem an sich simplen Problem der Ersatzteilbeschaffung bin ich mal wieder darauf gestoßen worden, dass Computertechnik gar nichts besonderes ist. Inkompatibilitäten kennen mindestens die Klempner schon ganz lange. Und die Heimwerker sowieso.
Denn man schraubt natürlich nicht mal eben einen neuen Wasserhahn an das Rohr – so wie man nicht mal eben eine neue CPU oder eine neue Festplatte einbaut. Inkompatibilität ist beileibe keine Erfindung des Digitalzeitalters. Und man sucht im Baumarkt auch nicht nach Wasserhähnen. Die Dinger heißen Absperrventile (erinnert sich noch einer an den Disput über Schraubenzieher und Schraubendreher? Das hier ist so ähnlich – nur subtiler).
Natürlich hatten wir den Durchmesser des Gewindes am Rohr gemessen: 19 Millimeter. Leider sind Hähne, Rohre, Schellen, Schläuche und was dergleichen mehr ist, mit Zoll-Maßen ausgezeichnet. Aber das kriege ich im Kopf grade noch hin: 19 Millimeter – das muss in etwa ein 3/4 Zoll sein. Prima: Hahn gekauft, bei nächster Gelegenheit in den Garten gefahren, Hahn dagegen gehalten: Passt nicht. Innengewinde im Rohr und Außengewinde des Hahnes stoßen exakt aufeinander. War das Mistding falsch beschriftet? Zurück im Baumarkt und verglichen: Alle 3/4-Zoll-Hähne sahen gleich aus. Die waren nicht alle systematisch falsch beschriftet (wie in dem uralten Witz mit dem Geisterfahrer: "Wieso sagen die im Verkehrsfunk, dass sich hier ein Geisterfahrer auf der Autobahn befindet? Mir kommen hunderte entgegen.."). Mittlerweile weiß ich: Die wunderbar angelsächsische Maßangabe bezieht sich auf den Innendurchmesser des Rohres. Damit man nur die richtigen Rohre aneinander schraubt. Und nicht plötzlich irgendwelche lustigen Druckschwankungen erlebt.
Also zweiter Akt: Richtigen Hahn gekauft und – im dichten Schneetreiben – den nächsten Versuch gestartet: Jetzt lässt er sich schrauben. Aber es gibt noch einen weiteren freien Parameter, den ich nicht bedacht habe: Die Länge des Gewindes. Leider lässt sich das Teil nur so wirklich festschrauben, dass er exakt nach oben zeigt. Nicht wirklich praktisch für einen Wasserhahn. Clive Thompson hat neulich in der Wired darüber geschrieben, dass die Amerikaner ihre Fähigkeit zu basteln, reparieren und improvisieren wieder entdecken müssen, wenn sie die technologische Führerschaft wieder gewinnen wollen. Ich habe eine vage Vorstellung davon bekommen, was der Mann meint. (wst)