Kritische Masse
Jeder schwärmt von der "Intelligenz der vielen". Aber niemand will zur "Masse" gehören.
Schwarzer, öliger Rauch steigt auf. In den Lärm der Masse mischt sich trockene Klacken fallender Steine, das zersplittern von Glasflaschen. Plötzlich kommt Bewegung in die Menge: Einige Menschen fangen an zu rennen, dann immer mehr. Nach wenigen Metern stockt die Menge an der Einmündung zu einer engen Seitenstraße – man schiebt und drängelt, die ersten stürzen. Wer solche Situationen kennt – die allgemeine Empörung über das chinesische Vorgehen in Tibet könnte für die eine oder andere Gelegenheit sorgen, die Erinnerungen aufzufrischen – weiß: Die Dynamik einer Menschenmenge ist blind, irrational und oft auch zerstörerisch wie eine Naturgewalt.
Ist schon lustig: Einerseits schwärmt die digitale Boheme von der "Schwarmintelligenz der vielen" – wird allgegenwärtig der sozialen Vernetzung gehuldigt: man empfiehlt sich gegenseitig (weiter), taggt, refenziert und sucht gemeinschaftlich. Marian Salzman und Ira Mathathia haben das in ihrem Buch "Next Now" meiner Meinung nach ganz hübsch erklärt: In dieser übel unübersichtlichen Welt, in der man niemandem mehr trauen kann – schon gar nicht der Regierung oder den Medien – fällt der Mensch offenbar wieder zurück in alte Verhaltensmuster und verlässt sich am meisten auf die Mitglieder seiner Horde.
Andererseits geht diese Bewunderung der weisen Masse einher mit einem geradezu übersteigerten Individualismus: Jeder will um gar keinen Preis der Welt zu dieser Masse gehören. Das Credo dieser Ideologie ist die Theorie vom "long tail": Sobald man Güter über das Netz weltweit ausstellen und vertreiben kann, lohnt sich die Produktion in den abenteuerlichsten Nischen. Der Mensch ist nicht einzigartig, aber so lange die, die mir ähnlich sind, sich am anderen Ende der Welt befinden, ist ja alles in Ordnung.
Und ausgerechnet in diesen Zeiten, so berichtet jedenfalls Steve Weinberg in seinem Blog, interessieren sich offenbar mehr und mehr Leute für die Modellierung von Menschenmengen – crowd simulation oder "crowd dynamics". Denn solche Modelle kann man – wen wundert's –unter anderem dazu verwenden, die Dynamik einer Demonstration zu untersuchen. Um zu verstehen, unter welchen Umständen man beispielsweise besser kein Tränengas verschießt – weil man so eine Massenpanik auslösen könnte. Preisfrage: Sollte man das den Chinesen verraten? (wst)