Du bist doch Physiker...

Klar hab' ich mal studiert. Aber was habe ich eigentlich dabei gelernt?

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Innerlich zucke ich zusammen, wenn ich diesen Satz höre. Denn gleich im Anschluss kommt in der Regel eine scheinbar simple Frage, die ich eigentlich beantworten können sollte. Aber oftmals erweise sich diese scheinbar simplen Fragen als ziemlich harte Nüsse. Denn sie haben ganz oft sehr viel mit angewandter Physik zu tun – mit dem richtigen Leben.

Und das wissenschaftlich zu fassen, ist gar nicht so einfach. Ein ganz essentieller Punkt in der physikalischen Ausbildung ist nämlich, zu lernen, wie man unwichtiges weglässt, und sich auf das wesentliche konzentriert. Das wesentliche meint hier nicht den Sinn des Lebens, sondern den wesentlichen Kern des vorliegenden Problems.

Um "richtige" Probleme lösen zu können, muss man also lernen, wesentliches von unwesentlichem zu unterscheiden. Das aber passiert in der Physik-Ausbildung nicht explizit. Wahrscheinlich weiß auch keiner genau, wie das geht. Die Studierenden werden vielmehr mit einer schier endlosen Serie verschiedenster Beispiele beschossen, bis sie ein diffuses Gefühl für die Dinge entwickelt haben (keine Ahnung, warum man das "wissenschaftliche Ausbildung" nennt). Das Wissen, das ich mir angeeignet habe (und das noch nicht der natürlichen Vergesslichkeit anheim gefallen ist), bezieht sich also ganz oft auf "reine" Beispiele, in denen es störende Einflüsse wie Reibung etc. einfach mal eben so nicht gibt. (Ich muss in diesem Fall ein bisschen auf dem Beispiel Physik rumreiten, weil ich nicht weiss, wie es sich im Fall von Informatikern, Mathematikern oder Elektrotechnikern verhält – ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es dort ähnliche Mechanismen gibt.)

Warum ich Sie damit belästige? Unter anderem, weil das eine elegante Methode ist, um auf die Titelgeschichte unserer aktuellen Ausgabe zu verweisen, die am Donnerstag an den Kiosk kommt. Darin beschäftigen wir uns nämlich mit der Frage, was Bildung eigentlich ausmacht, und welchen Stellenwert Mathematik und Naturwissenschaften darin haben sollten. Da allseits der Mangel an naturwissenschaftlich-technischem Nachwuchs beklagt wird, wage ich mal folgendes zu behaupten: Das Haupt-Problem in der deutschen Universitätsausbildung ist nicht dass sie bislang weitgehend kostenlos zu haben war. Es ist auch nicht der international inkompatible Abschluss gewesen – bzw. die Frage, ob die Ausbildung mit einem Diplom beendet wird, oder mit einem Bachelor/Master. Das Haupt-Problem ist meiner Meinung nach, dass die Kaste der Professoren es geschafft hat, die Ausbildung neben der Forschung für weitgehend irrelevant zu erklären.

Das hat sich auch mit den weitgehenden Studienreformen der vergangenen Jahre nicht geändert. Eine wie auch immer geartete qualitative Bewertung von Vorlesungen findet höchstens inoffiziell statt. Und die Befähigung – mal ganz abgesehen von der Motivation – zur Lehre spielt in Berufungsverfahren keine Rolle. Beispiele wie in den USA, wo hochrangige Arbeitsgruppen unter Beteiligung von Nobelpreisträgern Lehrbücher und Lehrpläne für Anfängervorlesungen entwerfen – im Extremfall sogar für Nebenfach-Studenten – sind mir aus Deutschland nicht bekannt. So lange sich das nicht ändert – und nichts deutet darauf hin, dass es sich ändern könnte – wird der deutsche Wissenschaftsbetrieb nicht aus seiner Mittelmäßigkeit herauskommen. (wst)