Das nĂĽtzliche Ignorieren

Im Umgang mit der Informationsflut, die jeden Tag im Namen der so genannten Wissensgesellschaft auf uns einprasselt, braucht es ganz neue Strategien. Dazu gehört nicht zuletzt auch ein beherztes "Das interessiert mich nicht".

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Der Harvard-Wissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger [http://www.hobnox.com/index.1042.html?stg[content_id]=47febe9f1d72c2e7451947f5f22b3ff0 doziert gerne und hörenswert] über das so genannte "nützliche Vergessen", das dem Internet zur Zeit auf das Schwerste fehle. Seine Theorie geht dabei ungefähr wie folgt: Während der Mensch auf der Zeitachse gewöhnt ist, im Hinblick auf die weitere Vergangenheit durchaus einmal alle Fünfe grade sein zu lassen, erinnert das Netz in Form von Google, Facebook & Co. uns und unsere Umgebung stets bretthart an alte Missetaten, aus denen wir vermutlich längst gelernt haben. Das Gemeingefährliche daran ist, dass die Menschheit inzwischen die Werkzeuge besitzt, Jugendsünden unauslöschlich und schnell auffindbar zu machen, Speicherkapazität und Speicherlust gibt's schließlich genug.

Ich möchte hier noch etwas weiter gehen. Wenn es ein nützliches Vergessen gibt, das man dann hoffentlich eines Tages mittels Metadaten in Webdokumente als eine Art "eingeschränkten Output" einfließen lassen kann, sollten wir uns auch bei der Verarbeitung des Inputs neue Wege überlegen. Dazu schlage ich das Konzept des "nützlichen Ignorierens" vor, das versucht, ein Stück Menschlichkeit in die Verarbeitung der Informationsflut zurückzuholen, mit der wir alle in dieser unserer so genannten Wissensgesellschaft tagtäglich konfrontiert werden. Das aktuelle Motto lautet ja regelmäßig, dass mehr Wissen immer auch besser sei - lebenslanges Lernen und so.

Ich kenne das aus meinem persönlichen journalistischen Alltag gut - und er dürfte nicht besonders einzigartig sein. Wenn ich nicht meine 100 wichtigsten RSS-Nachrichtenströme jeden Tag Dutzende Male checke und die wichtigsten Links absurfe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Die frischesten Fachbücher liegen auf meinem Schreibtisch oder in Form eines Hörbuchs in meinem iPod. Dazu habe ich auch noch allerlei Zeitschriften abonniert, von denen die Verrücktesten im Wochenrhythmus erscheinen und die ich mir dann in der S-Bahn hereinziehe, wenn mein UMTS-Modem mal keinen Empfang hat. E-Mails mit Pressemitteilungen strömen auf mich ein, die Korrespondenzen mit den Redaktionen natürlich auch. Letztes Jahr habe ich den Kommunikationsdienst Twitter entdeckt, seither folge ich einigen interessanten Leuten, die tagtäglich Dutzende Male Lesenswertes wie völlig Triviales aus ihrem Alltag wiedergeben. Hinzu kommen (wenn ich es nicht vermeiden kann) IMs, SMS, Telefonate und Audio- wie Videochats.

Nützliches Ignorieren bedeutet nun, dass man sich bewusst dafür entscheiden, bestimmte Informationen auch einmal auszublenden. Das muss nicht total radikal sein oder in 2433 ungelesenen E-Mails und furchtbar unaufgeräumten Desktops enden, sondern heißt ein Herunterfahren der Input-Flut auf ein menschliches Maß. Ich rede hier nicht nur von den zahlreichen Produktivitätstricks, die man im Netz in rauen Mengen finden kann und von denen einige Autoren ganz hervorragend leben.

Es geht um einen Mentalitätswandel. Man muss anderen Menschen ohne Rot zu werden wieder sagen können, dass man sein Handy den Nachmittag über abschaltet und keine Blackberry-Botschaften abrufen wird. Man muss wieder E-Mails mit einem die eigene Person nur am Rande tangierenden Inhalt ohne schlechtes Gewissen in den Mülleimer befördern dürfen. Auch das Nichtlesen jedes kleinen Business-Lüftchens im eigenen Geschäftsfeld ist okay, schließlich wird die Aufbereitung im Falle einer tatsächlichen Bedeutsamkeit von den zehn Fachblogs, die man zum Thema abonniert hat, sicher auch später noch haarklein ausgebreitet.

Ergo: Wir sollten einfach wieder häufiger zugeben können, dass wir (fast) nichts wissen und lieber mal einen Nachmittag mit Personen verbringen, die sich wirklich mit einer Sache auskennen. Alles andere zerfällt auf längere Sicht zu heißer Luft, das Gehirn schaltet ab.

Ich habe in diesem Zusammenhang übrigens keine Furcht um die Zukunft des Journalismus. Der Leser braucht nämlich auch in Zeiten des nützlichen Ignorierens noch jemanden, der sich den ganzen Haufen an potenziellem Neuigkeitenmüll, der tagtäglich anfällt, freiwillig durchliest und das Wichtigste destilliert. Das kann noch keine Google-KI. (wst)