RTFM
Der Versuch eines Distinktionsgewinns über die Demonstration technisch naturwissenschaftlichen Detailwissens wird oftmals – und das völlig zu Recht – als asozial empfunden.
Publikumsbeschimpfung? Soll man ja eigentlich nicht machen – aber weil es so schön zu unserem aktuellen Bildungstitel passt, und darüber hinaus eh mal gesagt werden muss: Der Versuch eines Distinktionsgewinns über die Demonstration technisch naturwissenschaftlichen Detailwissens wird oftmals – und das völlig zu Recht – als asozial empfunden.
Was das bedeutet? Na ja, der durchschnittliche Geek würde auf diese Frage entweder RTFM antworten, oder auf das Online-Lexikon Wikipedia verweisen, das mindestens drei der in den oben stehenden Sätzen stehenden schwierigen Wörter höchstwahrscheinlich ausführlich erklärt.
RTFM heißt "read the fucking manual" und bedeutet soviel wie: Lies erst mal die grundlegende Dokumentation, bevor Du hier mit dummen Fragen nervst. Dahinter steckt die irrige Auffassung - wie letztendlich auch hinter einem Online-Lexikon wie der Wikipedia - man könne alles verstehen, wenn man nur die zugehörigen "Handbücher" liest. Wissen wird als Anhäufung von (technischen) Details begriffen – und wer am meisten davon gehortet hat, ist demnach am größten/besten/schlauesten. Daraus ergibt sich eine Art Wettbewerb: Wer anderen Fehler nachweisen kann, gewinnt nicht nur Punkte dazu sondern kann gleichzeitig die Konkurrenz auf die Plätze verweisen.
Gut, das könnte man ja noch als spätpubertäres rumgepose abtun, aber dahinter steckt eine zweite Idee, die nicht nur lästig sondern auch gefährlich ist. Denn ein Fehler mutiert in diesem Gesellschaftsspiel der allgemeinen Besserwisserei von der einfachen falschen Darstellung zur Ursache für soziale Abwertung – und trifft damit unmittelbar persönlich. Das führt natürlich dazu, das niemand sich mehr traut, Fehler zu machen: Unsichere Aussagen, die möglicherweise nicht hundertprozentig durch eigenes Fachwissen oder durch empirische Fakten gedeckt sind, taucht in Diskussionen nicht mehr auf – im Endstadium tauchen in einer Art intellektueller Endlosspirale immer dieselben Ideen auf.
Mit Klugheit hat das wenig zu tun. Mit Innovationsfähigkeit noch weniger. Wer klug ist, spekuliert und phantasiert immer wieder, traut sich, auch scheinbar blöde Fragen zu stellen – und begreift fehlgeschlagene Versuche als gute Möglichkeit, es das nächste mal besser zu machen. (wst)