Vergoldet die Archive!
Immer mehr Sender stellen ihre Inhalte ins Netz und Video-on-Demand-Angebote werden immer größer. Mit etwas Glück dürften wir bald das Ziel der "celestial jukebox", der unbegrenzten Abspielstation, erreicht haben - samt spannender neuer Geschäftsmodelle.
Bekanntermaßen streiten sich derzeit ja ARD, ZDF und die großen Zeitungsverlage heftig darüber, was die Öffentlich-Rechtlichen im Internet dürfen sollen oder auch nicht. Man kann sich herzlich über Etats und Gesamtausrichtung balgen, doch eine politische Forderung in der aktuellen Debatte gefällt mir persönlich als Nutzer überhaupt nicht: Dass Videoinhalte nur gut eine Woche vorgehalten werden dürfen sollen und dann wieder aus dem Netz verschwinden müssen.
Der reale Trend geht schließlich in eine völlig andere Richtung, die mit mir wohl das halbe Internet seit Jahren erhofft: Die Idee einer "celestial jukebox", einer unbegrenzten Abspielstation, die möglichst alle medialen Inhalte erfasst und für möglichst immer abrufbereit hält. Im Musiksegment ist das bereits (fast) Realität: In Angeboten wie iTunes oder Abodiensten wie Napster kann man sich nach Belieben an Songs und Alben bedienen, so lange Geld und/oder Subskription vorhanden sind.
In den USA und Großbritannien stellen inzwischen immer mehr TV-Stationen nahezu alle Shows und Serien nach Ausstrahlung online - bezahlt oder gegen das Ertragen von Werbung auch kostenlos. Ähnliche "Mediatheken" führen inzwischen auch deutsche Sender ein - da kann man dann Peter Zwegat auch noch nachträglich gegen Schulden kämpfen sehen, die Ermittler des Berliner KDD schwere interne Krisen erleben lassen oder Auswanderern bei optimistischen Packsessions über die Schulter schauen.
Interessanterweise funktionieren Abrufmodelle im Videobereich wunderbar - es muss nicht immer der Download sein. Bei der Einführung seines amerikanischen Mietvideodienstes sagte Apple-Boss Steve Jobs, die meisten Menschen schauten sich Filme nicht öfter als eine Handvoll Male an, während sie Musikstücke deutlich länger (und häufiger) genießen wollten. Aus diesem Grund lohne sich ein digitales Videotheken-Modell, nicht jedoch Mietmusik. Zwar werden Sammler von Criterion Collection-Streifen diesen Fastfood-und-weg-Konsum sicher verneinen, doch für den Otto-Normal-Nutzer ist er durchaus die Regel. Liegt dann im Video-on-Demand-Angebot der gewünschte Film vor, wird er eben einmal geschaut und Tags darauf der nächste. Preisgünstiger als der DVD-Kauf ist das allemal.
Was der Nutzer von heute vor allem will, ist stets der gewünschte Inhalt zu dem Zeitpunkt, an dem er ihn braucht - wenn's geht ohne viel Stress, was beispielsweise das Embedding als Streaming-Inhalt bedeutet. Das kann in der Praxis dann nur heißen, dass die Sender wirklich alles online stellen müssen, was sie haben - vom Minibeitrag bis zum Archivkultstreifen, denn irgendjemand könnte sich dafür ja interessiert. Aufgepeppt mit automatisierter und vor allem passender Reklame, ergeben sich so aus angestaubten Inhalten dann sogar ganz neue Geschäftsmodelle. Warum sollten auf diese Weise alte Film- und Serientrends nicht wiederbelebt werden? In der Mode wiederholt sich doch auch alles alle paar Jahre und selbst die "???" sorgen heute noch für volle Hallen. Einzelne Produzenten machen es bereits vor: So betreibt der deutsche Anbieter Brainpool inzwischen ein eigenes Comedy-Portal und wird dadurch zum direkten "Sender", der die Werbeumsätze einstreicht. (wst)