Treffen mit den Anonymen
Neulich begegnete ich per Zufall der Anti-Scientology-Demonstration des Internet-Zusammenschlusses "Anonymous". Seither habe ich wieder etwas mehr Hoffnung, was das politische Engagement unserer Jugend angeht.
Der Aufmarsch im Berliner Westen war zwar klein, dafür aber kreativ: Nett bemalte und/oder mit Guy-Fawkes-Masken ausgestattete freundliche und ordentlich gekleidete junge Damen und Herren, die ihrem Unmut gegenüber der Sekte Ausdruck verliehen, der auch Tom Cruise angehört. Ein Schild ("Hupen gegen Scientology") sorgte stets für genügend Lärm der vorbeifahrenden Autos, und natürlich waren auch Rickrolls und andere fröhliche "Lulz" mit dabei.
Willkommen bei einer Demo von Anonymous, dem weltweiten Zusammenschluss gut gelaunter Internet-Aktivisten. In dutzenden Städten auf der ganzen Erde fanden sie sich vor Scientology-Zentren zusammen, vereint allein durch das Netz und eine gemeinsame Idee – und ein Quentchen Anarchie. Man stelle sich vor, diese Kräfte der Selbstorganisation würden für andere, breitere politische Ziele eintreten, getragen allein von einer gemeinsamen Idee, die sich um den Erdball verbreitet – eine Art 68er, ergänzt um kostengünstige Breitband-Vernetzung.
Anonymous ist ja nicht allein in dem Glauben, dass das Internet als Medium des Zusammenschlusses der Menschen etwas im echten Leben verändern kann. So ist Mark Zuckerberg, seit Kurzem 24-jähriger Facebook-Boss, fest davon überzeugt, dass sein soziales Netz für die Idee der Freiheit bedeutsam ist, etwa liberalisierend auf Jugendliche in arabischen Ländern wirkt. Videos auf YouTube werden derweil zu wirksamen politischen Waffen – hier kann man frühere mediale Verfehlungen seines Gegners gnadenlos aufdecken. Entsprechende Filme erhalten, wenn sie gut gemacht sind, inzwischen längst Millionen von Abrufen.
Natürlich dauert es derzeit noch, bis sich das Internet-Geschehen und die dort aufgebaute Öffentlichkeit auch ins "Real Life" fortsetzt – derzeit ist das vor allem daran ablesbar, dass erst die Mainstream-Medien auf einen entsprechenden Zug aufspringen müssen, damit er wirklich wirksam ins Rollen kommt. Das dürfte aber vor allem daran liegen, dass die politische Klasse zu großen Teilen nicht aus Menschen besteht, die mit dem Internet bereits in Kindertagen konfrontiert wurde. Bei den Älteren macht noch der Fernseher die Realität.
In 10 bis 20 Jahren dürften es andere Mediengattungen sein. Aber Nachrichtensendungen haben ja schon jetzt längst kein Problem mehr damit, ruckelige Handy-Videos zu zeigen. "Oh Fuck, the Internet is here!", lautet ein beliebtes Anonymous-Motiv. Das wird sich die Politik wahrscheinlich auch bald zu Herzen nehmen müssen. Die Klagewelle gegen die Vorratsdatenspeicherung war nur der Anfang. (wst)