Ausflug nach Liberty City
Die "Grand Theft Auto"-Reihe schockt Eltern und dient Politikern gerne als Beweismittel, was so schlimm ist an heutigen Videospielen. Dabei ist es dem Hersteller mit der neuesten Episode erstmals gelungen, eine realistische Stadtwelt abzubilden.
Als ich das Haus verließ, regnete es leicht. Die Straße war voller Autos, weil sich an der Ecke unter der Hochbahn ein Stau gebildet hatte. Ich bestieg das Taxi meines Cousins Roman und versuchte, möglichst problemlos durch das Fahrzeuggewirr zu gelangen. Die Fahrer und auch einige Fußgänger fluchten; offenbar hatte jemand da vorne eine Motorpanne. Das Navigationsgerät führte mich trotzdem sicher ans Ziel, ein paar Blechschäden ließen sich allerdings nicht ganz vermeiden. Als ich bei Roman ankam, war die Sonne schon fast untergegangen. Er lud mich zum Bowling ein, was ich ihm prompt erlaubte. Der Stau hatte sich bis dahin zum Glück aufgelöst und der Sonnenuntergang über dem Strand neben der Halle war einfach fantastisch. Blöd nur, dass ich schon morgen einen Mafia-Mord-Auftrag zu erledigen hatte. Immerhin blieb bis dahin noch Zeit, mir im Diner ein paar Hamburger reinzuschieben. Die Bedienung bemerkte sarkastisch, sie habe in jeden einzeln hineingespuckt. Ich gab ihr trotzdem ein Trinkgeld.
Was ich hier gerade beschrieben habe, ist ein ganz normaler Abendablauf in "Grand Theft Auto IV", dem Spiel, das derzeit den Konsolenmarkt umkrempelt, Eltern in aller Welt in Angst und Schrecken versetzt und Politiker dazu führt, das Ende des Abendlandes an die Wand zu malen. Ich habe schon viele Teile der GTA-Reihe gespielt, doch die neue Version, abgestimmt auf die Next-Generation-Konsolen PS3 und Xbox 360, ist eine ganz neue Dimension. Der Realismusgrad, mit dem die Stadt, ein sarkastisches New York, hier abgebildet wird, ist so groß, dass man sich wundert, warum man den Personen, denen man auf der Straße begegnet, nicht bis in ihr Büro folgen kann. Das einzige, was mich an dem Spiel nervt, ist die fehlende Möglichkeit, mit einem Jet abzuheben (im Vorgänger "San Andreas" war das sogar machbar, wenn man wusste, wo man das Flugzeug findet). Aber dafür gibt es ja Hubschrauber, mit denen man jede Polizeitruppe abhängt, die einen über die diversen Inseln der Stadtlandschaft verfolgt.
Neulich testete ich den neuen Multiplayer-Modus aus. Dabei spielten ich und ein fremder Mensch, der wahrscheinlich aus Brasilien stammte, ganz allein in der riesigen Stadt. Ich entschied mich, den Räuber zu machen: Ich versuchte, meinem "Gendarm" möglichst elegant zu entkommen. Aus diesem Grund begab ich mich in einen U-Bahn-Tunnel und rannte einfach bis zur nächsten Station, während mein Gegner sich wunderte, wo ich auf der Straße abgeblieben war. Als ich ankam, hatte er mein Manöver allerdings durchschaut: Er kam mir auf dem Bahnsteig schon entgegen und ich konnte mich gerade noch rechtzeitig wegducken. (Ein paar Sekunden später hatte er mich dann allerdings doch - Raketenwerfer sind in U-Bahnhöfen sehr effektiv.)
Ich glaube, dass GTA IV trotz des ganzen Hypes, der um das Spiel derzeit veranstaltet wird, einen bedeutenden Einfluss auf alle Games haben wird, die danach kommen. Natürlich ist die Grafik hier und da noch nicht so detailreich, wie man sie sich wünschen würde und auch sind beileibe nicht alle Gebäude betretbar. Das Spiel zeigt aber auf, was mit etwas mehr Speicher und etwas mehr Hardware-Leistung in ein paar Jahren möglich sein wird: Die Abbildung ganzer Regionen in einem einzigen Spiel, in denen man sich tagelang bewegen kann. Gegenüber virtuellen Welten wie Second Life (die technisch inzwischen modernen Spielen längst hinterherhinken) haben solche Games den Vorteil, dass Autoren und Regisseure ein Drehbuch vorgeben, an das man sich je nach Wunsch interaktiv halten kann. Personen wie Nico Bellic, Hauptfigur in GTA IV, sind aber auch ein wirklich interessante Charaktere - Klischees hin oder her. Richard Bartle, Erfinder des MUD, bestätigte mir neulich in einem Interview, dass er das Spiele-Design für die aktuell interessanteste Kunstform hält. Recht hat der Mann - so viele Möglichkeiten hatte man als Kreativer noch nie. Die Spieler werden es einem danken. Eltern sollten dabei schlicht beachten, für welches Alter ein Spiel freigegeben ist - und die Händler dafür sorgen, dass diese Beschränkungen auch penibel eingehalten werden. Dann versaut Nico Bellic einem auch nicht so leicht den Nachwuchs. (wst)