Das neue Live-GefĂĽhl
Streaming-Video-Dienste wie Qik, Ustream oder Mogulus ermöglichen es jedem Nutzer, zum Sender zu werden. Das Fernsehen muss sich einmal mehr warm anziehen.
Seit mehreren Jahren schon lehnt es Apple strikt ab, seine mit Spannung erwarteten Keynote-Reden von und mit Firmenchef Steve Jobs, bei denen das Unternehmen seine neuesten Produkte vorstellt, live ins Internet zu übertragen. Die Gründe lassen sich leicht zusammenreimen: Erstens dürften die Kosten für die notwendige Videobandbreite enorm hoch sein (ganze Kommunikationsdienste Dritter brechen bei den Events regelmäßig zusammen) und zweitens wird die Spannung so noch mehr angeheizt. Resultat: Internet-Dienste berichten nur in Schriftform von den Veranstaltungen, haben diese Art der Live-Tickerei inzwischen zur Kunstform entwickelt und müssen dabei stets hoffen, dass ihnen Apple im Keynote-Saal nicht das drahtlose Internet abdreht.
Bei der letzten Jobs-Rede zur Vorstellung des UMTS-iPhones war das allerdings ein bisschen anders. Eine der vielen Fan-Websites hatte sich ohne Genehmigung der Apple-Pressestelle aufgemacht, einen eigenen Livefeed darzubieten – zwar nur in Audioform, aber dennoch gut hörbar und vor allem in Echtzeit. Dabei machte sich das Angebot die Tatsache zu Nutze, dass es inzwischen gleich mehrere größere und kleinere Websites gibt, die ihren Nutzern kostenlos ermöglichen, per Streaming Video und Audio direkt ins Netz zu senden.
Das funktioniert, wie das Keynote-Beispiel zeigt, erstaunlich gut. In diesem Fall wurde der Service Ustream verwendet, es hätte aber auch Mogulus oder Qik sein können. Die Dienste vereint, dass man mit ihnen mit leichtesten Mitteln auf Sendung gehen kann – mittels Flash-Plugin bei Mogulus und Ustream und bei Qik sogar per Handy. Derzeit werden die Live Streaming-Websites vor allem von Early Adoptern genutzt – so zeigt etwa der Multimedia-Unternehmer Jason Calacanis von seinem Nokia aus seine erste Fahrt im Tesla Roadster. Sobald aber ein großer Anbieter wie YouTube auf den Zug aufspringt (selbiges ist seit längerem geplant), dürfte der Trend auch bei Teens, Twens und Mittelalten schnell viele Freunde finden.
Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind nahezu unbegrenzt. So dürfte es nicht lange dauern, bis bedeutsame Live-Augenzeugenberichte über die Technologie an die großen Nachrichtensender gehen – oder aber direkt an Interessierte über die eigene Website. (Den Medienkonzernen kann man dabei schon mal sein Beileid ausdrücken – dass jemand im Stadion das EM-Spiel mitfilmt, dürfte bald Realität sein.) Mit der neuen Form von Echtzeit-Streaming Video verliert das Fernsehen einen weiteren Trumpf: Sendungen schießen kann jetzt jeder. (wst)