Die schwimmende Zeitmaschine

Vor bald 165 Jahren lief im englischen Bristol ein Schiff vom Stapel, das den Ozeanverkehr nach Amerika revolutionierte. Dank Eisenrumpf und Schiffsschraube dauerte der Trip nur noch ganze 14 Tage.

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Es gab eine Epoche, in der die Menschen Angst vor Schiffen aus Eisen hatten. So verquer das heute auch klingen mag: Damalige Reisende wollten erst nicht glauben, dass solche schweren Wasserverkehrsmittel tatsächlich schwimmen könnten. Schließlich war die Menschheit jahrhundertelang mit Holzbooten unterwegs gewesen, bei denen sich jeder gegebenenfalls selbst davon überzeugen konnte, dass sie an der Wasseroberfläche blieben.

In diesem Sinne war die "SS Great Britain", die ich neulich bei einem Kurzbesuch in Bristol in ihrem Museumsdock bewundern konnte, gleich mehrfach rekordverdächtig: Das Passagierschiff, 1845 gebaut vom britischen Ingenieursgenie Isambard Kingdom Brunel, war der erste Ozeanriese aus Metall - auch wenn seine Optik von weitem noch sehr an Holzgiganten erinnert, vermutlich, um die Passagiere zu beruhigen. Verkehrsgeschichtlich noch etwas bedeutender: Der fast 100 Meter lange Dampfer war der erste, der seine Reise nach Amerika angetrieben von einem Schiffspropeller antrat. Damit dauerte die Überfahrt von Liverpool nach New York nur noch 14 Tage, die früher Wochen gedauert hatte.

Was für eine Revolution das gewesen sein muss - und wie bequem: Man stieg in London Paddington in den Zug, fuhr etwas mehr als zwei Stunden nach Bristol, ging an Bord des Dampfers und war zwei Wochen später auch schon in der amerikanischen Metropole. Es gab sogar die Möglichkeit, sein Ticket von der britischen Hauptstadt aus durchzubuchen. Die Geschwindigkeitssteigerung muss die damaligen Menschen ähnlich beeindruckt haben, wie uns die unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten bei der Einführung des Internet.

Doch das war nur der Anfang einer langen Geschichte, die die Great Britain erlebte. Das Schiff war bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts im Einsatz - fuhr nach Australien, diente als Frachter, war zwischenzeitlich zum Windjammer umgebaut unterwegs und endete schließlich als Lagerstätte vor den Falkland-Inseln. 1970 machten sich dann unerschrockene Technikfans daran, sie zurück zu ihrer Geburtsstätte nach England zu holen.

Heute steht die Great Britain in ihrem ehemaligen Trockendock in einer Spezialkonstruktion, die dafür sorgt, dass der Rumpf nicht weiter rosten kann - riesige Lüftungsgeräte halten die Luftfeuchtigkeit konstant bei einem Wert, der dem in den Wüsten Arizonas gleichkommt. Man kann sich das Schiff von unten ansehen, bekommt erzählt, dass Brunel viele der Geräte, mit denen das Eisen geformt wurde, selbst erfinden musste - schließlich gab es vor dem Bau des Dampfers für solch große Stücke keinen Bedarf.

Das Antriebsaggregat des Schiffes, von den Museumsleuten mit viel MĂĽhe wieder aufgebaut, nimmt mehrere Stockwerke in Anspruch. Man kann sich kaum vorstellen, welchen Eindruck das auf die Zeitgenossen gemacht haben muss. Neben der VerkĂĽrzung der Reiseroute nach Amerika diente die Great Britain ĂĽbrigens auch noch anderweitig der Verbesserung der globalen Kommunikation: In ihrem langen Leben war sie auch einmal zum Verlegen von Ozeankabeln im Einsatz. (wst)