Voll Übertaktet
Was wäre, wenn irgendein Labor auf der Welt den genetischen Super-Kaffee finden würde, der ohne Umweg über Botenstoffe den Stoffwechsel direkt auf Maximum setzen würde? Sozusagen eine Art Übertaktung für das Gehirn?
Der Selbstversuch ist leider gescheitert: Das gelegentliche Schnüffeln an der Dose mit astreinem brasilianischen Arabica macht mich nicht weniger schläfrig. Obwohl es Menschen geben mag, die mein Verhalten gelegentlich mit dem der Ratte Remy (die aus dem Animationsfilm Ratatouille) vergleichen, ist die Ähnlichkeit wohl mehr eine Seelenverwandschaft als physiologischer Natur. Dabei hatte sich das, was die Kollegen vom New Scientist berichtet hatten, so viel versprechend gelesen: Yoshinori Masuo vom National Institute of Advanced Industrial Science and Technology hatte Ratten unter Schlaf-Entzug gesetzt, sie an Kaffee schnüffeln lassen und die Aktivität verschiedener Gene gemessen, deren mRNA-Level während des Schlafentzuges signifikant gefallen war. Das Resultat war verblüffend: Nimmt man die Aktivität dieser Gene als Indikator für den Grad der Müdigkeit, turnt offenbar schon der Geruch von Kaffee an.
Man könnte nun lange darüber philosophieren, wie die Forscher überhaupt auf die Idee zu so einem Projekt gekommen sind. Vielleicht sind es schlicht Leute wie Du und Ich – eigentlich bin ich ein Nachtmensch, der aber gezwungen ist, sein Leben mit den üblichen Bürozeiten zu synchronisieren. Schließlich schreibe ich nicht nur launige Kolumnen, sondern muss gelegentlich auch in Echtzeit mit Menschen kommunizieren, die üblicherweise eben leider zwischen Neun und Fünf erreichbar sind. Also versuche ich regelmäßig meine kreativen Phasen mit Hilfe koffeinhaltiger Getränke zu verschieben. Und spätestens seit der berühmten Nature-Umfrage wissen wir ja, dass der geniale Schöpfergeist mancher Wissenschaftler offenbar nicht nur von Inspirationspartikeln befeuert wird.
Vielleicht ging es aber auch schlicht um Geld: Wie unserer aktuellen Titelgeschichte zu entnehmen ist, hat die Pharma-Industrie zur Zeit rund 600 Mittelchen in der Pipeline, die das kognitive Leistungsvermögen steigern sollen. Offiziell peilt man den wachsenden Markt älterer Mitmenschen an, die, wie meine Oma immer so schön sagte "ein wenig tüdelig" geworden sind – inoffiziell dürfte so mancher Pharma-Manager auch auf den Ritalin-Effekt setzen.
Das Problem ist aber: Die meisten Neuro-Enhancer (so auch der gute, alte Kaffee) setzen an Neurotransmittern an – Botenstoffe, die die Hirnfunktion regulieren. Die kognitive Leistung lässt sich über die Neurotransmitter-Schiene allerdings nicht linear steigern. Es existiert ein Dosis-abhängiges Optimum, ein Zuviel oder Zuwenig an Botenstoffen mindert die Wirkung. Die Idealwerte für die Botenstoffe sind aber für verschiedene kognitive Aufgaben ganz unterschiedlich. Und schließlich gewöhnt sich der Körper auch noch an das Zeug.
Was wäre also wenn? Wenn irgendein Labor auf der Welt den genetischen Super-Kaffee finden würde, der ohne Umweg über Botenstoffe den Stoffwechsel auf Maximum setzen würde? Sozusagen eine Art Übertaktung für das Gehirn? Brennen wir dann einfach schneller aus? Immerhin, trotz Kaffee, Alkohol und Nikotin haben wir die durchschnittliche Lebenserwartung in den vergangenen hundert Jahren beträchtlich steigern können. Der menschliche Körper scheint in dieser Hinsicht also recht widerstandsfähig zu sein. Die andere spannende Frage ist natürlich, ob wir immer so richtig hellwach sein wollen. Oder ob so eine kleine Down-Phase ab und an nicht ganz hilfreich ist. Schließlich gibt es das alte Sprichwort: "Wenn Du schnell graben kannst, geben Sie Dir eine größere Schaufel". (wst)