Wozu brauchen wir das CERN?
Warum sollte nicht jemand dafĂĽr bezahlt werden, kleine Teilchen mit irrsinnigen Geschwindigkeiten aufeinander zu schieĂźen? Es werden doch auch Leute dafĂĽr bezahlt, den ganzen Tag nur Geld von Punkt A nach Punkt B zu schaufeln.
Ihr Report über den LHC liest man mit interesse, schreibt mir ein Leser, nur könnten Sie mal bitte einem nicht atomphysiker erklären, was genau dort für 4 milliarden bahnbrechendes für die Menschheit erforscht wird ? Was sollen uns die Erkentnisse bringen ? und steckt man eigendlich genau so viel Geld in die Lösungssuche für unsere "echten" Probleme ( Energiespeicherung z.B) ?
Gute Frage. Ich könnte an dieser Stelle natürlich das Übliche einwenden: Dass Neugier eine grundsätzliche Eigenschaft des Menschen ist, die vermutlich auf einer ziemlich tiefen Ebene mit der kognitiven Verarbeitung verknüpft ist. Sozusagen eine eingebaute Triebfeder. Und die springt natürlich besonders auf die GROßEN Fragen der Menschheit (Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Gibt es eine objektive Realität? Und wenn ja, woraus besteht sie eigentlich?) an. Und es hat sich nun mal leider rausgestellt, dass man zur Beantwortung von manchen großen Fragen auch verdammt große Maschinen braucht.
Ich muss aber zugeben, dass für jemanden, der Mühe hat, sein existenzielles Minimum an Wasser und Kalorien zusammen zu sammeln, die Frage nach der Vollständigkeit des Standardmodells der Teilchenphysik eine recht untergeordnete ist. Das Argument lässt sich ausweiten: Auch wenn es "nur" darum geht, die Miete, die Raten für Auto und Urlaub und die Studiengebühren für die Kinder zusammenzubekommen, bleibt in der Regel wenig Zeit – und noch weniger Kraft – für tiefe naturphilosophische Betrachtungen.
Andererseits: In der arbeitsteiligen Gesellschaft, in der wir hier leben, sind die meisten Tätigkeiten hochgradig entfremdet. Mit dem Resultat, das viel von dem, was wir täglich tun – und wofür wir Geld bekommen - bei Licht besehen reichlich absurd ist (was mir immer wieder besonders auf Dienstreisen auffällt: Rund um den "professionellen Kundenkontakt" hat sich eine Subkultur ausgebildet, die von der alltäglichen Lebenswelt vieler daran beteiligter Akteure meilenweit entfernt ist – und auf mich manchmal genauso formalisiert und rätselhaft wirkt, wie japanisches No-Theater). Warum sollte also nicht auch jemand dafür bezahlt werden, kleine Teilchen (die so klein sind, dass sie eh niemand sehen kann. Sie erzeugen bloß einen Haufen elektronischer Signale in hausgroßen Detektoren – wir müssen letztendlich glauben, dass das was mit Teilchen zu tun hat) mit irrsinnigen Geschwindigkeiten aufeinander zu schießen? Es werden doch auch Leute dafür bezahlt, den ganzen Tag nur Geld von Punkt A nach Punkt B zu schaufeln, indem Sie Zahlen in Tabellen miteinander verknüpfen.
Womit man in der Regel ja auch recht ganz passabel Geld in die eigenen Taschen transferieren kann. Ich behaupte an dieser Stelle also einfach mal ganz frech: Mindestens genau so viele intelligente junge Menschen vergeuden ihr intellektuelles Potenzial (das sie vielleicht zur Lösung wichtiger Menschheitsfragen verwenden könnten), in der Wirtschaft wie in der Grundlagenforschung. Nur das eine ist gesellschaftlich konform; das Andere nicht.
Das größere Problem ist allerdings natürlich die Tatsache, dass der Spaß am CERN einen Haufen Geld kostet. Was uns zu der Frage führt, wer wann darüber entscheidet, wie Forschungsgelder ausgegeben werden. Der Physiker Robert Laughlin vertritt im Fall von CERN ja die unorthodoxe Theorie, der Laden sei eine Art Rückversicherung dafür, dass keine der beteiligen Nationen heimlich eine neue subatomare Bombe entwickelt. Ich denke, die Wirklichkeit ist profaner: Eigentlich sollte über Forschung nach dem Grundsatz entschieden werden: Was Alle angeht, sollen auch Alle entscheiden. Das würde aber ein sehr viel weitgehendere gesellschaftliche Beteiligung als heute erfordern. Und eine völlig neue Art der öffentlichen Kontrolle über die Zukunft der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung ermöglichen. Und das will im Moment fast niemand: weder Wissenschaftler, noch Politiker, noch Unternehmen. Statt sich gelangweilt abzuwenden sollte man also lieber genau hinsehen, was in den Labors und Forschungseinrichtungen passiert. Und immer wieder fragen: Wem nützt das? (wst)