Business-Zombies

Woher stammt eigentlich das kulturelle Fremdeln, das sich zwischen Angehörigen der technischen Intelligenz und den Wirtschaftsleuten immer wieder einstellt? Die Robotik liefert eine interessante Antwort.

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Der Mann trägt einen makellosen Anzug, ein weißes Hemd und eine dunkle, geschmackvolle Krawatte – und das, obwohl der Besprechungs-raum mittlerweile tropische Temperaturen aufweist. Er wechselt virtuos zwischen Powerpoint-Präsentation, Web-Browser mit Demo-Software und Mindmap, lässt sich jederzeit durch Fragen unterbrechen, ist höflich und freundlich, spricht deutlich, fasst die Diskussion nach kurzer Zeit prägnant zusammen – ist mithin voll konzentriert, kommunikationstechnisch 1a drauf und "hundertprozentig committed", wie man heutzutage so sagt. Mir stellen sich, trotz tropischer Temperaturen, ganz langsam die Härchen auf den Unterarmen auf.

Woher stammt eigentlich das kulturelle Fremdeln, das sich zwischen Angehörigen der technischen Intelligenz und den Wirtschaftsleuten immer wieder einstellt? Objektiv betrachtet geht es doch in beiden Welten um die rationale Lösung von Problemen (die Quanten-Bogodynamik erweist sich bei näherer Betrachtung als wissenschaftlich nicht wirklich haltbar). Möglicherweise liefert die Robotik einen Hinweis – genauer gesagt die Theorie vom "uncanny valley". Weil sie so hübsch formuliert ist, möchte ich an dieser Stelle ausnahmsweise die Begriffserklärung aus der Wikipedia zitieren: Ursprünglich von der Robotik Anfang der Siebzigerjahre entdeckt, bezeichnet er [der Begriff "uncanny valley d. Red.] heute das Phänomen, dass die Akzeptanz von technisch simuliertem, non-verbalem Verhalten durch Zuschauer vom Realitätsgehalt der vorgestellten Träger (Roboter, Avatare usw.) abhängt, sich jedoch nicht stetig linear mit dem Anthropomorphismus (der Menschenähnlichkeit) der Figur steigert, sondern innerhalb einer bestimmten Spanne einen starken Einbruch erleidet.

Für die Nicht-Techies (falls jetzt noch welche mitlesen): Wenn ein Roboter ziemlich (aber noch nicht ganz) menschenähnlich ist, erwartet der Mensch unterschwellig, dass es sich auch tatsächlich um einen Menschen handelt. Die subtilen kleinen Unterschiede zwischen Mensch und Maschine verursachen dann ein diffuses Unbehagen. Worin bestehen diese subtilen Unterschiede? Hiroshi Ishiguro, der angeblich zur Zeit die menschenähnlichsten Androiden der Welt baut (hier im TR-Interview) vertritt die These, dass dem Roboter in der Regel die winzigen Irregularitäten fehlen, die wir von Menschen gewohnt sind: Sie blinzeln nicht, schauen nicht zwischendurch woanders hin – und nicken schon gar nicht während des Vortrages ein. Anders gesagt: Gerade die erfolgreichsten Absolventen von Management-Kommunikationsseminaren induzieren mit ihrer maschinellen Fokussiertheit wahrscheinlich immer wieder unterschwellig die Frage: Ist der Kerl wichtig echt? Oder der Vorbote einer Zombie-Invasion von Business-Zombies?

Ist schon lustig: Während sich angesichts der wachsenden Bedeutung von Bio und Nano (und der Alltagserfahrung im Umgang mit Informationstechnik) mehr und mehr die Vorstellung durchsetzt, dass man manchmal ein Stück Kontrolle aufgeben muss (Stichwort: Selbstorganisation, Schwarm-Intelligenz, Emergenz etc.), um zum gewünschten Ergebnis zu kommen, bewegt sich das Geschäftsfeld noch immer in der Vorstellungswelt der frühen Aufklärung. Ich bin gespannt, was passiert, falls sich das wirklich noch mal ändert. Vielleicht ist das Ergebnis ja noch gruseliger. (wst)