Dr. K oder wie ich lernte, den Reaktor zu lieben
Verfilmte Comics sind langweilig. Remakes von verfilmten Comics sind noch langweiliger. Da schreibt das pralle Leben doch schon ganz andere DrehbĂĽcher.
Verfilmte Comics sind langweilig. Remakes von verfilmten Comics sind noch langweiliger: Die Story lässt sich auf drei Manuskripten abhandeln und die Charaktere sind in der Regel - nun sagen wir mal - eindimensional. Da schreibt das pralle Leben doch schon ganz andere Drehbücher. Nehmen wir die Geschichte vom Comeback der Atomkraft. Das ist ein kraftvoller Stoff, wie ihn das Leben schreibt. Erste Trailer sind bereits jetzt in den Nachrichten zu sehen. Im Wahlkampf 2009 soll die Story zum echten Blockbuster werden (Gerüchte, nach denen Siemens sich die Produktion des Streifens durch irreguläre Bonuszahlungen gesichert haben soll, sind übrigens völlig aus der Luft gegriffen).
Hier die Story in Kürze: Die Atomkernspaltung sollte mal die Menschheit mit unerschöpflicher, billiger Energie versorgen. War zwar nicht ganz ungefährlich die Idee, aber solide, deutsch Ingenieurskunst sollte das Ungeheuer "Restrisiko" schon im Zaum halten. Aber Statistik ist blind, und der Zufall versaute der Kernenergie in Tschernobyl das Image.
Und das wurmt den Beckstein Günther schon ganz lange. Da hat ihm neulich einer von diesen schlauen, studierten Referenten einen Zeitungsausschnitt hingelegt. Darin stand was von Klimaveränderung, und dass AKWs kein CO2 emittieren. Und jetzt kämpft der Beckstein Seite an Seite mit seinem Berliner Außenposten, dem Wirtschaftsminister Michael Glos, darum, nun doch noch das Vermächtnis des legendären bajuwarischen Haudegens und Atomministers FJS zu erfüllen. Doch um die Aufgabe zu meistern, müssen die beiden komplizierte, neue Texte lernen Vokabeln verwenden wie "Klimawandel" oder "Nachhaltigkeit", die alle irgendwie ein bisschen weichgespült klingen, und so gar nicht in ihr Vokabular passen wollen.
Ihr Gegenspieler ist die gute, alte Tante SPD. Wie alte Tanten halt so sind, ist auch diese halt im Laufe der Jahre ein bisschen vorsichtig geworden. Und findet deshalb, dass man von der Kernspaltung lieber die Finger lassen sollte. Obwohl der Chef der Sozialdemokraten, der pfälzische Ministerpräsidenten Kurt Beck, Kraft seines Amtes Hüter über den Atomausstiegsbeschluss der rot-grünen Regierung, wahrscheinlich diesen quengeligen Ökos viel lieber ab und an mal heimleuchten würde wie einst der legendäre Holger Börner, der die Probleme mit autonomen Startbahngegnern am Frankfurter Flughafen ja bekanntlich "mit der Dachlatte" regeln wollte. Und dann sind da noch die Grünen. Die Hüter der reinen Lehre. Die können diese ganzen schwierigen Wörter aus dem FF, die beschäftigen sich ja schon ganz lange mit der Nachhaltigkeit, Du. Die haben so lange geübt, alles im Konsens durchzudiskutieren, zu vermitteln und in Mediationsprozesse einzubringen, dass einem ganz schwindelig werden kann von all dem geballten diskursiven Sachverstand.
Haben Beckstein und Glos gegen diese Übermacht eine Chance? Ja, denn in den Reihen der Grünen lauert bereits der schnöde Verrat. Der mysteriöse "Dr. K. hat offenbar keine Skrupel, den einstigen Feind mit dem geheimen politischen Wissen der Grünen zu versorgen: Dem Geheimnis der verschränkten quantenpolitischen Zustände – wie man zur selben Zeit für und gegen eine Sache ist. Man versucht, ihn zur Rede zu stellen, aber der greise Dr. K erhebt sich nur aus seinem Rollstuhl und sagt: "Mein Führer, ich kann wieder gehen". Dann versuchen die alten Recken aus der Frankfurter Putztruppe noch einmal das Ruder herumzureißen, und der Atomlobby am Bauzaun von Olkiluoto ein letztes, großes Showdown zu liefern, aber es ist zu spät (und am Schluss kriegen sie sich). Das ist doch mal was, oder? Da soll noch mal einer sagen, Politik sei langweilig. (wst)