Das Telefon in Zeiten des Internet

An Tagen wie diesem muss ich die Mail einfach mal gegen den Anachronismus des Telefonierens in Schutz nehmen.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.

17 Uhr 28, gefühlte Bürotemperatur 35 Grad Celsius. Obwohl der Kopf dröhnt, versenke ich mich in die Kunst der präzisen Formulierung – da klingelt das Telefon: "Guten Tag hier ist Meyer-Lüdenscheidt von der Firma Blafasel. Sie hatten bei uns angerufen, weil Sie eine Auskunft zu unserem neuen Foobar-Produkt wollten". Ich habe was? Wer? Ach verdammt, das war vor drei Stunden. Zwischendurch hatte ich noch mit den Jungs von Fraunhofer und dem Umweltministerium, aber da hatte ich, glaube ich, auch niemanden erreicht und müsste eigentlich noch mal hinterherbohnern. Mist, hatte ich total vergessen.

"Don't call me. I'll call you" – Selten sind diese Worte Verheißung. Jedenfalls nicht für mich. Jeder schimpft auf den Zeitfresser E-Mail – an Tagen, wie diesem muss ich die Mail einfach mal gegen den Anachronismus des Telefonierens in Zeiten des Internet in Schutz nehmen. Mein Telefon ist beruhigend computergrau, verfügt über ein Monochrom-LC-Display, das größer ist als das, auf meinem PDA und (worauf zu lesen ist, mit wem telefoniere ich gerade), aber der Kern der Technologie ist nicht wesentlich anders als zu den Zeiten von Phillipp Reis, Elisha Gray und Alexander Graham Bell: Es geht um das Sprechen mit einer Person, die ich in der Regel nicht sehen kann.

Richtig, wir sprechen nicht von SPIT, Voice over IP und was dergleichen moderne Dinge mehr sind. Wir sprechen vom Sprechen. Wie vergeblich investierte Jahrzehnte in die computerisierte Erfassung menschlicher Sprache uns gezeigt haben, ist das ein – je nach Standpunkt – beeindruckend vielschichtig Ding. Abzüglich ähs und öhs, sozialem Subtext, Redundanz und Gedankenlosigkeit bleibt in der Regel nur ein kleiner Teil der Kommunikationsbandbreite für echte Information. Dazu kommt das Problem des Timings: Entweder ich störe gerade, oder mein Gesprächspartner ist gerade nicht verfügbar, was mich in eine Art kognitiver Warteschleife bugsiert. Wenn ich zu viele dieser Schleifen lade, steigt meine Kognition aus, wie ein zu voll gestopfter Programm-Puffer.

Wie wohltuend zivilisiert und geordnet dagegen die Kommunikation per Mail. Ich platze nicht irgendwo rein: Weder in die strategische Planung der Firmenerweiterung, noch in die des abendlichen Freizeitvergnügens. Nur das dezente Pong der Mail-Anwendung – und selbst das ließe sich wegkonfigurieren – signalisiert mein Begehr zu kommunizieren. Wann das passiert, bleibt dem Empfänger vorbehalten. In der Regel lande ich mit Mails zudem ganz direkt bei meinem Ansprechpartner. Nicht in irgendwelchen Vorzimmern oder Presse-Abteilungen, die ihre vordringliche Aufgabe darin sehen, die wichtigen Menschen vor den Unbilden der Welt abzuschirmen.

Das ist Alles nicht neu. Aber ich habe in letzter Zeit ganz oft den Eindruck, dass es geradezu modern geworden ist, E-Mail ganz grundsätzlich als unproduktiven Zeitfresser zu verdammen. Denn da ist das Spam-Problem – weltweit werden zur Zeit etwa 100 Milliarden Spam-Mails pro Tag verschickt. Und dann die ständige geteilte Aufmerksamkeit, nicht unerheblich getriggert durch die grobe Versuchung, jede sich bietende Gelegenheit zur Prokrastination auch zu nutzen. Auch sind da – besonders lästig für meinen Berufsstand – allerlei lustig gestanzte Formulierungen in Mails, weil manche Leute immer noch meinen, alles, was wie gedruckt aussieht, muss sich auch lesen, wie ein Amtsblatt. Und da ist natürlich die fehlende Möglichkeit zur spontanen Nachfrage. Doch nach Tagen intensiven Telefonierens kehre ich gerne zurück in die konzentrierte Ruhe des vernetzten Universums. Merkwürdige Idee, dass das schon wieder anachronistisch sein soll. Aber vielleicht werde ich einfach alt. (wst)