Gefangen in der Wolke

Die großen IT-Firmen würden die Nutzerschaft gerne dazu bringen, möglichst viele kritische Daten ins Netz auszulagern. Das sei sinnvoll, weil man dann ja ständig und von überall darauf zugreifen könne. Doch was wird, wenn das eben nicht funktioniert?

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Immer dann, wenn Journalisten der Welt die Vorteile des "Cloud Computing" vorführen möchten (und nein, die Cloud ist zum Glück noch keine eingetragene Marke), verweisen sie auf die tägliche Praxis bei Google. Dort benötigten Mitarbeiter beispielsweise keine langwierigen Datensicherungsprozesse mehr, schließlich speicherten sie Mails, Präsentationen, Bilder und jedwede andere Form von Informationen direkt in einem der zahlreichen Dienste des Suchmaschinenriesen, die allesamt direkt im Internet-Browser verfügbar sind. Der Vorteil: Otto-Normal-Googler kann einfach den Rechner wechseln und trotzdem sofort weitermachen, wo er aufgehört hat. Das Abspeichern auf der lokalen Festplatte entfällt, alle relevanten Daten stehen in der "Wolke" namens Netz zur Verfügung. Selbst für die Songsammlung und die Lieblingsvideos werde dies dort bereits praktiziert, Bandbreite und Serverkapazität sei schließlich billig.

Meine Reaktion auf solcherlei Cloud-Lobpreisungen ist üblicherweise eher frostig. Ist ja alles schön und gut, erkläre ich dann den begeisterten Kollegen, doch was macht man bitte schön, wenn die Infrastruktur nicht funktioniert? Davor ist selbst ein Gigant wie Google mit seiner weltweiten Megainfrastruktur nicht gefeit. Google Mail, Googles Postdient, hatte erst neulich schrecklich Schluckauf. Amazon Web Services, ein Cloud-Dienst, dem sich zahlreiche Web 2.0-Start-ups auf der ganzen Welt bedienen, um nur nicht ihre eigenen Server pflegen zu müssen, gönnte sich im Juli einen halben Sonntag eine große Auszeit, was dazu führte, dass das halbe Hipster-Web plötzlich u.a. ohne Bilder auskommen musste. Und dann war da noch der völlig versaute Start von Apples MobileMe-Dienst, der immer noch nicht ganz richtig zu funktionieren scheint und bei Firmenchef Steve Jobs zu virtuellen Wutausbrüchen führte.

Was ich damit sagen will: Wir stehen, was Cloud Computing anbetrifft, noch gänzlich am Anfang. Entsprechendes bestätigte mir vor kurzem auch ein Forscher eines großen IT-Konzerns, den ich zum Start einer großangelegten Testbed-Infrastruktur zum Thema interviewen durfte. Er meinte sinngemäß, wir befänden uns technisch zum Teil noch in der Steinzeit, von absoluter Verlässlichkeit könne keine Rede sein. Das Problem: Schon jetzt wird die Technologie zum Teil vermarktet, als könne man tatsächlich bereits stets problemlos wie die Googler ganz und gar im Netz leben. Von den dabei entstehenden Datenschutzproblemen einmal abgesehen (wer garantiert, dass niemand auf Ihre Cloud-Daten schaut?) - wer bei Google arbeitet, hat immerhin verhältnismäßig problemlos die Möglichkeit, an irgendwelche älteren Backup-Bestände in der Wolke heranzukommen. Wer als Normalnutzer Probleme mit Datenverlusten im Netz bekommt, muss sich hingegen mit schlecht erreichbaren Hotlines auseinandersetzen. Da lobe ich mir doch das Ablegen wichtiger Informationen auf der lokalen Festplatte, inklusive einer oder mehrere Offsite-Kopien für den Notfall: Kommt man an die physische Hardware heran, kann man sie, sollte sie einmal den Geist aufgeben, immerhin höchst persönlich zum Datensicherungsspezialisten tragen, der vielleicht die ein oder andere Information noch herunterkratzen könnte. Kann man das in der Wolke? Leider nein. Die Abstraktion bedingt, dass man die verwendete Hardware in seinem ganzen Leben nicht mehr zu sehen bekommt. (wst)