Einfach mal abschalten

Manchmal denke ich darüber nach, wie es wäre, sich einfach aus dem Netz zu verabschieden, das Telefon abzuschalten und sich mit einer dicken Büchersammlung in eine Waldhütte zurückzuziehen. Und dann habe ich im nächsten Urlaub doch wieder Zugang.

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Ist es heutzutage überhaupt noch möglich, sich gänzlich aus der Informationsgesellschaft abzumelden, ohne dauerhaft abgehängt zu werden? Wenn man nicht gerade ein kanadischer Leuchtturmwärter ist - offensichtlich nein. Arbeit und Freizeit verschwimmen, selbst Generalsekretäre großer Parteien können nicht mehr auf Veranstaltungen gehen, ohne den ständigen Kontakt mit der Basis aufrechtzuerhalten, es erscheint uns so, als seien Daten unsere Luft zum Atmen geworden.

Dabei wäre es einmal sinnvoll, uns selbst Einhalt zu gebieten und zu testen, ob wir ohne Dauervernetzung überhaupt noch überleben könnten - nur um einmal zu überprüfen, wie selbständig wie als informationsempfangende Einheiten eigentlich noch sind. Wer filtert wen? Wir das Netz oder das Netz uns? Bestimmen Daten unseren Tagesablauf oder wir über die Daten?

Manchmal denke ich darüber nach, wie es wäre, sich einfach aus dem Netz zu verabschieden, das Telefon abzuschalten und sich mit einer dicken Büchersammlung in eine Waldhütte zurückzuziehen. Und dann habe ich im nächsten Urlaub doch wieder Zugang.

Seit einigen Monaten habe ich auch unterwegs auf meinem Laptop zuverlässigen Netzzugang - ein USB-Stick und eine verhältnismäßig kostengünstige Tagesflatrate machen es möglich. (Hat lange gedauert, bis die Technik endlich so weit war, dass es wirklich erträglich wurde.) Das ist eine tolle Sache, weil ich beispielsweise alle Mails meiner Redaktionen im Zug sofort beantworten kann, meinen RSS-Nachrichten-Reader auch unterwegs stets mit den neuesten Nachrichten "weglese" und ich auch nach einer langen Reise nicht Abends noch alle neuen Infos des Tages abarbeiten muss, die ich verpasst haben könnte.

Die gut funktionierende Mobilität hat allerdings ihren Preis: Ich habe manchmal das Gefühl, ein bisschen weniger "vor Ort" zu sein, wenn ich schnell auch unterwegs mit zwei Klicks ins High-Speed-Internet "verschwinden" kann. Die Netzzwangspause motivierte mich früher zumindest ein bisschen auch zum Innehalten, zur tieferen Konzentration auf Gesprächspartner. Das hat sicher auch mit einem leichten Fall von Online-Autismus zu tun.

Aber zurück zu der Sache mit der Hütte und dem Abschalten: Ja, ich werde das sicher eines Tages tun, und zwar für länger als nur drei Tage. Schon allein als Experiment, ob mein auf Multitasking getrimmtes Hirn wieder ins "Single Threading" überführt werden kann, wird sicher interessant: Die wochenlange Konzentration auf gute Bücher, eines nach dem anderen. (wst)