Der Trend zu weniger Bandbreite

In den USA ändert ein Provider nach dem anderen seine "Flatrate"-Politik - und schränkt die Anzahl der Gigabytes ein, die monatlich über die Leitung gehen dürfen. Ein guter Trick, um die Netzneutralität auf neuen Wegen auszuhebeln.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 4 Min.

Immer wenn im Internet das Thema "Netzneutralität" angesprochen wird, geht es in der Debatte schnell heiß her. Die großen Endkundenprovider wollten ihre Bandbreite bald für eigene Dienste bevorzugen und künftig nur noch jene Angebote Dritter in Höchstgeschwindigkeit durchlassen, die extra dafür bezahlen, lautet der Vorwurf. Unbequeme Services der Konkurrenz, aber auch freie publizistische Websites wie Blogs fielen dann hinten runter. Nicht weniger als das Ende der Internet-Informationsrevolution wird an die Wand gemalt, falls der durch die großen "Pipes" der Telekom-Riesen fließende Datenverkehr von diesen nicht mehr neutral behandelt wird.

Doch in Wahrheit ist dieser Albtraum jedes Web-Freundes bis dato nicht eingetreten. Zwar schritt die Konsolidierung insbesondere auf dem US-Markt weiter fort, wo inzwischen nur noch eine Handvoll großer Telefonkonzerne und Kabel-TV-Anbieter den Hauptteil des Endkundenzuganges zum Netz kontrollieren. So richtig getraut, an der Netzneutralität zu schrauben, haben sich diese allerdings nicht – und auch die US-Regulierungsbehörde FCC scheint tatsächlich relativ wachsam zu sein.

Doch die Roll-Back-Strategie der Telekom-Giganten, die den Kampf um die Netzneutralität prägt, ist keineswegs vom Tisch. Schließlich geht es um nicht weniger als die Verteidigung (einst) lukrativer Geschäftsmodelle. Das Business der Zugangsanbieter ist seit Jahren unter Druck: Die Preise sinken, jeder Kunde erwartet einen Pauschaltarif (Flatrate) und der Verbrauch an Bandbreite pro Nutzer steigt gleichzeitig stetig. Es wäre deshalb eigentlich an der Zeit, intensiv in den Ausbau der eigenen Infrastruktur zu investieren, damit die Userschaft auch morgen noch Videos in immer besserer Auflösung betrachten oder neuartige Multimediaangebote genießen kann.

Der Trend geht allerdings in eine andere Richtung, die uns auch in Europa bald blühen könnte: Provider beginnen in den USA, die nutzbare Bandbreite in Gigabytes einzuschränken. Waren es anfangs vor allem regionale Anbieter, die beispielsweise bei fünf Gigabyte im Monat (das sind ungefähr drei bei iTunes erworbene Filme plus Websurfing samt YouTube) "Schluss" sagen und sich dann pro Megabyte abrechnen lassen, testen nun auch größere Provider aus, was ihre Kunden mitmachen. Der im Osten der USA bedeutsame Anbieter Time Warner Cable versucht es in einzelnen Städten ebenfalls mit so genannten "Bandwith Caps". Die liegen zwar derzeit noch verhältnismäßig hoch (40 GB kosten 55 Dollar, bei Comcast ist bei 250 GB Schluss), könnten sich aber längerfristig reduzieren. Bedeutsam ist allerdings, dass die Provider sich das überhaupt trauen – nach Jahren "paradiesischer Flatrate-Zustände", wie sie meinen.

Was hier passiert, ist nichts anderes als die Beschränkung der Netzneutralität mit anderen Mitteln. Wer auf die Gigabyte-Uhr schauen muss, wird sich mehrfach überlegen, ob er sich einen dicken Film herunterladen wird oder zum (eigentlich fast kostenlosen) Voice-over-IP-Telefonat greift. Die Provider müssten dann einfach nur noch einen simplen Trick anwenden, damit die Falle zuschnappt: Dienste, die in ihrem eigenen Netz laufen, kosten dann zum Beispiel keine Gigabytes.

Das große Vorbild in Sachen bitweiser Geldmacherei ist der Mobilfunkbereich, wo sich die großen Anbieter aufführen, als seien sie die Herren des Netzes. Wer bei T-Mobile in Deutschland 90 Euro im Monat lässt, um den teuersten iPhone-Tarif zu erwerben, wird ebenfalls ab 5 Gigabyte ausgebremst und darf beispielsweise laut AGB keine Instant Messaging-Dienste verwenden – offensichtlich, um das gutgehende Geschäft mit den teuren SMS nicht zu gefährden.

Andere Provider feiern zum Beispiel 24 Cent pro Megabyte als großen "Discountpreis". Einmal die Mac-Version des Browsers Firefox herunterladen? Macht 4 Euro 20! Was die ganze Entwicklung zeigt, ist vor allem eines: Die Politik muss endlich durchsetzen, dass ein schneller, überall verfügbarer Internet-Zugang ohne Einschränkung zum Bürgerrecht wird. Punkt. (wst)