Ebooks reloaded

Jeder Versuch, das Modell iPod/iTunes für Texte zu kopieren – Bücher also proprietär an eine einzige, kopiergeschützte, technische Plattform zu binden, ohne einen weiteren Mehrwert zu bieten - ist zum Scheitern verurteilt.

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Wie das Leben so spielt: Da hatte ich vergangene Woche gesehen, dass ausgerechnet die gute, alte FAZ, die sich bis vor einigen Jahren ja noch beharrlich geweigert hat, Farbbilder auf der Titelseite zu drucken, auf eben jener Titelseite über E-Books und die drohende Gefahr einer Napsterisierung des Verlagswesens berichtet hat. Da Diskussion keineswegs neu, aber am Beispiel des Amazon Lesegeräts Kindle und der Bestsellerautorin Joanne Rowling amüsant zusammengefasst ist, hatte ich mich daran gemacht, einen Kommentar dazu zu schreiben. Und nun lese ich bei Spiegel Online, dass Sony möglicherweise nächstes Jahr sein elektronisches Buch PRS-505 samt deutschsprachigem Ableger des zugehörigen Online-Shops hierzulande auf den Markt bringen will. Nun geht es also wieder los.

Für alle, denen diese Debatte vielleicht nicht ganz so geläufig ist, vielleicht noch mal kurz zusammengefasst: Ebook-Reader sind Lesegeräte für elektronische Bücher. Warum sollte man Bücher in elektronischer Form lesen wollen? Man muss wesentlich weniger Papier durch die Gegend schleppen, kann im Volltext suchen und markieren. Doch die erste Generation dieser Geräte erwies sich als Flop, denn elektronische Bücher lassen sich genauso mühelos kopieren und weiterverbreiten wie MP3-Dateien. Weil die Verlage bis heute vor einem solchen Szenario Angst haben, versuchten sie, allerlei Kopierschutz-Mechanismen zu etablieren. Das wirkte sich allerdings nicht gerade verkaufsfördernd aus.

Bis nun der Online-Buchhändler Amazon auf die Idee kam, ein solches Lesegerät fest mit dem eigenen Online-Geschäft zu verbandeln. Ein bisschen so, wie Apple mit iTunes, nur halt für Bücher. Was aber bedeutet: Was es in diesem Shop nicht gibt, kann man auf dem Kindle genannten Gerät nicht lesen. Und da kommt die FAZ ins Spiel: "Wir wissen nichts über John Newton, außer dass er einen Kindle besitzt und all jenen seine Stimme leiht, die der vielleicht auflagenstärksten Schriftstellerin der Welt das Recht an ihrem geistigen Eigentum absprechen wollen. Denn John Newton vertritt die Ansicht, dass es ganz und gar bedeutungslos sei, ob Joanne K. Rowling ihre Zustimmung dazu gibt, dass die Harry-Potter Bücher als e-books erscheinen oder nicht. Sein einziges Argument ist von brutaler Nüchternheit: „Es gibt diese e-books bereits.“ Die Schriftstellerin könne nur noch darüber entscheiden, ob sie ihren Lesern die Möglichkeit erlauben möchte, ein e-book von Harry Potter auch auf „legalem Wege“ zu erlangen. Das ist, kaum verhüllt, ein Aufruf zum Raubkopieren, jener Form der alltäglichen Internetpiraterie, die die Musikbranche nach dem Aufkommen des i-Pod an den Rand des Untergangs gebracht hat. Droht der Buchbranche jetzt ein ähnliches Schicksal?"

Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, müssen wir erst mal die Frage selbst untersuchen: Warum argumentiert die FAZ, das Aufkommen der i-Pods hätte die "Musikbranche an den Rand des Untergangs gebracht"? Und falls das tatsächlich so war – woraus bezieht eine Branche denn eigentlich ihre Existenzberechtigung? Aus der simplen Organisation und Bereitstellung eines Vervielfältigungsapparates? Wenn ja, ist es nicht logisch, dass sie verschwindet, wenn dieser Apparat nicht mehr gebraucht wird?

Ok, ok. Ich sollte mich wahrscheinlich nicht all zu sehr aus dem Fenster lehnen. Schließlich lebe auch ich davon, dass es Menschen gibt, die dafür Geld bezahlen, dass sie meine Texte lesen wollen. Aber jeder Versuch, das Modell iPod/iTunes für Texte zu kopieren – Bücher also proprietär an eine einzige, kopiergeschützte, technische Plattform zu binden, ohne einen weiteren Mehrwert zu bieten – ist meiner Meinung nach so dumm, wie einem dreijährigen unzerstörbares Spielzeug anzubieten: Das kann nur dazu führen, dass früher oder später jemand versucht, die Plattform zu knacken.

Sollte man also gleich die Finger davon lassen, wie das die deutschen Verlage seit Jahren versuchen? Das wird auf die Dauer auch nicht funktionieren. Bisher lief die Geschichte ja so: Weil die Verlage kein Interesse haben, gibt es keinen Content und deswegen lohnt es sich offenbar für die Hardware-Hersteller nicht, so ein Gerät auf den Markt zu bringen. Aber: Irgendwann wird irgendjemand doch noch ein Gerät mit E-Paper-Display auf den Markt bringen, das leicht ist, lange läuft, und alle möglichen Formate darstellen kann. Muss ja kein explizites elektronisches Buch sein - wahrscheinlich wird es diese Fähigkeiten quasi nebenbei ausspielen wie zum Beispiel die neuen Netbooks. Spätestens dann aber könnte sich die Frage nach der Zukunft des Verlagswesens noch einmal neu stellen. Und vielleicht ist es dann ja schon zu spät. (wst)