Wie man sich plötzlich alt fühlt II
Die meisten Jugendlichen haben bis zu ihrem 20. Lebensjahr Tausende Computerspiel-Stunden hinter sich und eignen sich dadurch Fähigkeiten und Denkmuster an, die der älteren Generation völlig fremd sind. Na toll!
Ganz ganz früher habe ich gelegentlich versucht, mir vorzustellen wie das ist, wenn ich mal so alt bin, wie ich heute manchmal aussehe. Jetzt weiß ich, dass ich wirklich alt bin. Game over, tilt, keine Chance mehr. Warum? Beim Aufräumen der während des Urlaubs aufgelaufenen Mails bin ich darauf gestoßen worden, dass ich für immer ein digitaler Immigrant bleiben werde – denn ich bin vor 1970 geboren worden.
Für alle, die mit dem Ausdruck "digitale Immigranten" nicht so viel anfangen können: Der Begriff geistert bereits seit einiger Zeit durch das Netz, war mir aber bis heute auch nicht geläufig: Wie man dieser Meldung der Kollegen von heise online entnehmen konnte, sind die digitalen Immigranten Menschen, die "Schwierigkeiten haben, sich eine PIN-Nummer zu merken". Digitale Immigranten werden im Gegensatz zu "digitalen Eingeborenen" definiert - also Menschen, die in einer digitalen Umgebung (mit PC, Internet, MP3 usw.) aufgewachsen sind.
Das macht nicht nur das Hirn weich, sondern trainiert auch die Reflexe: "Die meisten Jugendlichen haben bis zu ihrem 20. Lebensjahr Tausende Computerspiel-Stunden hinter sich und eignen sich dadurch Fähigkeiten und Denkmuster an, die der älteren Generation völlig fremd sind", sagt Moshe Rappoport von IBM. Analog zu Computerspielen, wo man mit Risikoverhalten schnell zum Ziel komme bzw. nach einem "Game Over" einfach neu beginne, zeichne sich die junge Generation durch Risikobereitschaft und schnelles Handeln aus", erklärt Rappoport.
Und diese Leute, sagt der IBM-Forscher, werden natürlich demnächst auch mal in wirtschaftliche Führungspositionen kommen. Und dann geht es richtig, tierisch ab. Darauf kann man sich heute schon mal einstellen – und als global tätiges IT-Unternehmen muss man das natürlich erst recht. Der Mann könnte leider recht haben. Vor ein paar Jahren habe ich bei Microsoft schon gesehen, wie das aussehen könnte: Im "Office of the future" zeigen die das ganze (Geschäfts)-Leben als Videospiel. Da ist nichts mehr mit drögen Excel-Tabellen – die Supply Chain wird genau wie der Produktionsprozess in der Fabrik als niedliche, animierte Grafik dargestellte, die mich fatal an Echtzeitstrategiespiele wie Warcraft – in diesem Fall beziehe ich mich auf die Offline-Version, die lange vor dem Massive Multiplayer-Spiel in Umlauf war. Jeder Schreibtisch ist nicht nur mit einem, sondern gleich mit drei Bildschirmen ausgestattet, die halbkreisförmig vor dem Firmenspieler angeordnet sind. Die Oberfläche ist in dezenten Pastellfarben gehalten und die Email fällt in Form eines kleinen, animierten Briefumschlages am Bildschirmrand in mein Blickfeld, wo sie auf einer Art Zeitstrahl landet, um in den folgenden drei Minuten langsam auf einen virtuellen Abgrund zuzudriften - alles, was man nicht sofort erledigen will, oder kann, muss minder wichtig sein.
Schon klar, das war nur eine Design-Studie und keine Beta-Version der neusten Office-Software. Aber ich sehe das schon deutlich vor mir: Irgendwann in 20 oder 30 Jahren sitzen auf den Chefsesseln alt gewordene Teenies der YouTube-Generation mit der Aufmerksamkeitsspanne – aber auch dem Reaktionsvermögen – von Stubenfliegen. Für diese Welt werde ich in der Tat zu langsam geworden sein: Hoffnungslos altmodisch fixiert auf Text und Tastatur. Vielleicht ist es dann wirklich Zeit, offline zu gehen. (wst)