Krise? Welche Krise?

Nur für's Protokoll: Wir haben's ja gesagt! In der Dezember-Ausgabe 2007 von TR war nachzulesen, dass die Finanzkrise tiefer liegende Ursachen hat als ein paar zu leichtsinnig vergebene Kredite für überehrgeizige Häuslebauer.

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Nur für's Protokoll: Wir haben's ja gesagt! In der Dezember-Ausgabe 2007 von TR war nachzulesen, dass die Finanzkrise tiefer liegende Ursachen hat als ein paar zu leichtsinnig vergebene Kredite für überehrgeizige Häuslebauer. Jetzt haben wir Herbst 2008, die Finanzinstitute fallen wie die Blätter von den Bäumen – und viele Leute reiben sich verwundert die Augen und fragen sich: wie konnte das geschehen? Die können das jetzt noch mal nachlesen. Alle anderen, die die Geschichte von den Quants schon kennen, können mit mir ja eine Runde über Emergenz diskutieren.

Kein Scherz: Das Studium selbst organisierter Systeme – und der Finanzmarkt verhält sich wie eines, auch wenn von "Organisation" im engeren Sinne im Moment nicht wirklich die Rede sein kann – vermittelt wertvolle Einsichten in den weiteren Verlauf dieser Krise. Das haben die Kollegen (es soll sich ja, wenn man das glauben darf, zum größten Teil um Mathematiker und Physiker, und nicht um Ökonomen handeln, deswegen nenne ich sie einfach mal so), die sich beim nächtelangen Programmieren numerischer Modelle zwecks Anhäufung immer gigantischerer Profiraten die Gehirnzellen weggekokst haben, wahrscheinlich schlicht und einfach nicht kapiert.

Selbst organisierte Systeme funktionieren eigentlich ganz simpel: Jeder hält sich an einen überschaubar niedrigen Satz simpler Regeln, Keiner hat den vollständigen Überblick, aber unter den richtigen Bedingungen passiert etwas sinnvolles. Jedenfalls kann es von außen so aussehen – die Frage nach Sinn oder Unsinn zu stellen, ist an dieser Stelle einfach nicht sinnvoll sondern nur ein Artefakt unserer Interpretation. Zu abstrakt? Rolf Pfeifer von der Uni Zürich bringt an dieser Stelle gerne das Beispiel der Schweizer Roboter, die ohne explizite Anweisung einen Haufen Klötze zusammenkehren. Das ergibt sich "selbst organisiert" aus dem Zusammenspiel ihrer Sensoren, Motoren und ein par einfachen Regeln. So ähnlich kann man sich Kapitalismus vorstellen: Kein Akteur hat den vollständigen Überblick über das System, alle verfolgen die selben Regeln und am Schluss wird irgendwie zwischen Angebot und Nachfrage vermittelt. Bis jetzt jedenfalls.

Denn die Analogie hat noch mehr Konsequenzen: Die Schweizer Roboter kehren ihre Klötzchen nur dann zusammen, wenn die Sensoren einen bestimmten "Sichtbereich" haben. Sonst funktioniert die Sache nicht – man könnte auch sagen: Die Roboter brauchen eine bestimmte "ökologische Nische", um sich sinnvoll zu verhalten. Anders gesagt; Wenn man einzelne Parameter ändert, ändert sich das Verhalten des gesamten Systems. Und niemand kann sagen, in welche Richtung. Vielleicht sollten wir nochmal drüber nachdenken, ob wir das wirklich wollen. Nur so als Einwurf eines Laien. Ich versteh' ja nichts von Ökonomie. (wst)