Angst vor dem Wolkenbruch

Open-Source-Übervater Richard Stallman warnte im September vor der zunehmenden Abhängigkeit der Nutzer von Cloud-Angeboten, die immer mehr Aktivitäten vom Desktop ins Netz verlagern. So hysterisch das auch klang - ganz unrecht hat er damit nicht.

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Wenn es nach dem Masterplan von Googles Ingenieurteam geht, läuft auf unseren Rechnern in einigen Jahren nur noch ein zentrales Stück Software: Ein gut funktionierender, stabiler Browser. Jede PC-Anwendung, die man sich nur vorstellen kann, wird dann via Web angefordert – von ganz simplen wie E-Mail über komplexere wie Online-Büropakete bis hin zu High-End-Applikationen wie Videoschnitt, die dank immer besser werdenden Programmierschnittstellen und Breitbandanbindungen längst keine Zukunftsmusik bei der Nutzung direkt aus dem Internet mehr sind. Wie das alles geht, machen die Googler vor: Sie wechseln mühelos von Maschine zu Maschine und finden alles an seinem Platz wieder, denn Browser gibt's überall.

Richard Stallman, Open-Source-Guru und Gründer der Free Software Foundation, hält die als Cloud Computing bezeichnete Technik allerdings für eine böse Falle. Wie er in einem Gespräch mit dem britischen "Guardian" im September polterte, pferchten Web-basierte Anwendungen wie Google Mail die Nutzer in geschlossene, proprietäre Systeme. Die seien jetzt zwar noch gratis, doch die Schlinge könne sich dann später problemlos zuziehen. "Das ist schlimmer als Dummheit, wenn man so etwas nutzt." Einer der Gründe, warum man sich nicht darauf einlassen sollte, so Stallman, sei der Kontrollverlust. "Man sollte sein eigenes Computern auf seinem eigenen Computer durchführen, mit Software, die die Freiheit des einzelnen respektiert. Wer proprietäre Programme auf dem Webserver eines anderen nutzt, kann sich nicht mehr verteidigen." Cloud Computing sei daher nicht viel mehr als ein Marketing-Hype, der den Nutzern ständig eingetrichtert werde, um die Technik tatsächlich zur Realität zu machen.

Man muss nicht so paranoid wie Stallman sein, um bei einigen Cloud-Angeboten ernsthafte Bedenken zu bekommen. Es gibt erstaunlich viele Nutzer, die geschäftlich oder privat sensible Daten bei einem Online-Spreadsheet-Anbieter einstellen, als handele es sich um die eigene Festplatte. Viele der Dienste sind darüber hinaus in der Grundversion nicht einmal verbindungsverschlüsselt, selbst bei Gmail muss man SSL explizit aktivieren. Was in Sachen Datenschutz und Sicherheit serverseitig abgeht, weiß sowieso kein Nutzer. Denn das, da hat Stallman ganz recht, ist völlig opak und proprietär.

Auch aus technischen Gründen ist der Griff zur Cloud manchmal übertrieben. Was einem da als neu und modern vorgesetzt wird, könnte, mit immer leistungsschwächeren und günstigeren "intelligenten Terminals" im Gepäck, eines Tages zu einem besseren Client-Server-Dienst wie in der Großrechnerzeit werden. Das wäre Rückschritt statt Fortschritt, weil wichtige Macht über Daten sich Internet-untypisch wieder zurück zu einzelnen großen Anbietern bewegen würde.

Tatsächlich kann bei diversen Cloud-Diensten niemand sagen, wie lange sie sich halten, ob sie vielleicht eines Tages an für den Nutzer unangenehme Käufer veräußert werden und wie es überhaupt mit der Zukunftsperspektive aussieht. Kommt es dann noch zu Problemen beim Backup oder ist selbiges enorm mühsam, hat man dann irgendwann den Salat: Daten futsch trotz Wolke. Das ist dann wie bei den Banken in der Finanzkrise: Gewinnen wird derjenige, der sein Guthaben (= Daten) möglichst gut und sicher streut. (wst)