Knol und die Suche nach Wahrheit

Google, ach Google, was soll das nur werden? In rasend schneller Folge spuckt das Suchmaschinen-Imperium immer neue Dienstleistungen aus.

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Google, ach Google, was soll das nur werden? In rasend schneller Folge spuckt das Suchmaschinen-Imperium immer neue Dienstleistungen aus, die die stichwortgefütterte Werbemaschinerie des Unternehmens am Laufen halten. Kürzlich hat man sich mit Knol dem populär gewordenen Sektor der Online-Enzyklopädien zugewandt: Im Unterschied zur Wikipedia zeichnen die Autoren dort namentlich für ihre Beiträge, können frei bestimmen, wer an ihren Beiträgen herumeditieren kann – und werden an den Werbeeinnahmen beteiligt.

Nun mag man mir Kultur-Chauvinismus vorwerfen – Tatsache ist: Die englischsprachige Version dieses Dienstes hatte ich bislang schlicht ignoriert. Aber seit vergangener Woche hat Knol nun auch eine deutsche Oberfläche. Und da musste ich dann doch noch mal drauf schauen – nur, um mich mit einer Mischung aus Entsetzen und Belustigung abzuwenden. Denn was finden wir da? "Das Biesdorf Geheimnis – Rätselhafte Vorgänge um das Schloß Berlin-Biesdorf in den letzten Kriegstagen 1945 von Herbert Lassner", "yasni.de von Peter Yasni" oder "Roulettesystem Fibonacci Roulette von Selzer McKenzie". Eine Kakophonie des Wissens, eine bunte Mischung aus Spezialwissen, PR und mehr oder minder verschrobenen Welterklärungen. Nicht so schlimm, argumentieren die Macher des Konzeptes: Je mehr Menschen den Dienst nutzen, um so schneller wird der Müll sich erledigen, weil sich im freien Wettbewerb der Ideen natürlich die besten Beiträge durchsetzen werden.

Mit seinem mittlerweile klassischen Essay Die Kathedrale und der Basar hatte ja bereits 1997 Open-Source-Guru Eric S. Raymond 1997 eine Art Manifest für diese Idee abgeliefert. Die Logik damals: Der Basar – der freie Wettbewerb der Ideen unter Programmierern – hat mit Linux ein besserer Produkt geschaffen als das zentral gesteuerte Konzept Software-Entwicklung bei Microsoft, das ehe der Konstruktion eine Kathedrale gleicht. Daraus folgt auch: Die Masse ist klüger als einzelne geniale Köpfe. Womit sich eine direkte Linie zur Wikipedia ziehen lässt: Die kalifornische Ideologie stürmt die heiligen Hallen des Bildungsbürgertums.

Knol treibt die Idee des Basars nun auf die Spitze. Und das finde ich deswegen lustig, weil besonders hervorstechende negative Beispiele wenigstens dazu geeignet sind, falsche Ideen zu diskreditieren. Denn das Konzept taugt möglicherweise für die Entwicklung eines Betriebsystem-Kerns, aber bei der Vermittlung von Wissen hat es ganz klare Grenzen. Man stelle sich nur mal vor, Darwins Evolutionstheorie müsste sich heute auf Knol bewähren. Will kein Mensch lesen – viel zu atheistisch der Mann, und so negativ. Oder Einstein mit seiner Relativitätstheorie: So elend abstrakt und formal. Wie oft würde das geklickt?

Dabei gibt es mit der Scholarpedia längst eine brauchbare Alternative zu den Editierkriegen der Wikipedia. Aber wer will das wissen? November ist Nebel, Kälte und Dunkelheit. All das macht mich immer ein wenig melancholisch. (wst)