Seltsam

Manchmal bedarf es eines außergewöhnlichen Ereignisses, um zu hinterfragen, was man eigentlich den ganzen Tag lang so tut.

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Kein Essen in der Kantine, keine freien Parkplätze vor dem Verlag, kein Altpapier vor dem Büro: Vor kurzem war hier ganz schön Aufregung. Fünfundzwanzigster Geburtstag der c't. Dutzende von Berichterstattern durchstreiften das Verlagsgebäude, in dem auch unsere, kleine Zeitschrift hergestellt wird, auf der Suche nach dem publizistischen Geheimrezept der c't-Kollegen. Gefunden haben Sie es nicht, dafür waren später – Ich glaub, es war bei Spiegel online – Zeilen wie diese zu lesen : "Irgendwann fragt mich einer der Fotografen: "Die sind schon alle ein bisschen seltsam hier, oder?"

Aber, was ist schon seltsam? Neulich, zum Beispiel, bei einer Pressereise , fand ich mich auf der Rückfahrt unversehens in ein Gespräch über die gute, alte Zeit in der Datenverarbeitung verwickelt. Ich meine, andere Menschen reden über das Wetter, über Fußball-Ergebnisse oder den letzten Mallorca-Urlaub. Wir sprachen über damals. Als wir unsere ersten PCs mit selbstgelöteten Nullmodem-Kabel an der seriellen Schnittstelle miteinander vernetzt haben, um Doom im Deathmatch zocken zu können.

Wirklich seltsam sind doch ganz andere Dinge. WIe beispielsweise das Altern von Sicherheits-Kopzepten. Ich meine,nehmen wir das Beispiel mit der Vernetzung: Wie viele potenzielle Angriffspunkte gegen Computer gibt es eigentlich, die einem – sagen wir mal Mittzwanziger Systemadministrator – überhaupt nicht bekannt sind? Weil er nie damit rumgespielt hat? Und die deswegen kilometerweit offen stehen? Schon klar, serielle Schnittstellen findet man an fast keinem Desktop-PC mehr. Aber an Industrie-PCs sehr wohl.

Erweitern wir die Frage doch mal auf die vom Bundesgerichtshof geforderte "Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme": Alle Welt redet über Bundestrojaner, aber gibt es bei den Ermittlungsbehörden überhaupt noch Spezialisten, die in der Lage sind, Briefe unbemerkt zu öffnen und wieder zu verschließen?

Und wenn diese Annahme stimmt, liefe dann nicht das ganze schöne, neue BKA-Gesetz mit seinen Online-Durchsuchungen und Video-Überwachungen (das ja im übrigen noch eine Wackelpartie im Bundesrat vor sich hat) total ins Leere? Weil die Hauptgefahr nicht die Hightech-Kommunikation zwischen abgebrühten System-Hackern ist, sonder die Lowtech-Absprache von Leuten, deren Konzeption von gesellschaftlicher Wirkung geradewegs aus dem Neunzehnten Jahrhundert stammt?

Aber wer sagt denn, dass das BKA-Gesetz überhaupt das echt ist? Vielleicht ist das ja genau so eine Aktion, wie die Sache mit der gefälschten New York Times – eine gezielte Provokation, die nur dazu gedacht ist, uns den Wert der Freiheit wieder vor Augen zu führen. Schließlich hat der Innenminister ja gegenüber TR verlauten lassen, dass er kein Interview zum Thema Datenschutz geben wolle, mit der Begründung, er äußere sich "nur zu politischen Fragen". Und bei der Bundestagsdebatte zum BKA-Gesetz hat er die ganze Zeit so versonnen vor sich hin gelächelt. Vielleicht ist der Mann ja gar nicht echt, und dem Stuhl von Dr. Wolfgang Schäuble sitzt – höchst wahrscheinlich – ein verkappter Situationist. Hat da mal jemand ganz genau hingeschaut? (wst)